Poetry

Sonntag, 13. Oktober 2013

Herbst ....

So weit gegangen, um Atem zu holen.
Bis mir der Wald zwischen den Bäumen
abhanden kam.
Ich verliere mich im Herbstboden
zu meinen Füßen.
Ein Mosaikstein mein Leben.
Ich hebe ihn auf und gehe weiter.
Das Bild ist in mir
aus Licht und Schatten.

P1000185

Bild zum Vergrößern klicken.

Freitag, 3. September 2010

Kindheitssommer

Die Sommer von damals waren eine einzige Bewegtheit. Bewusstlos und trunken trieben wir durch den Tag. Sie verflogen, die Sommer, wie eine Zeit ohne Ziffernblatt und Zeiger.

Urlaub gab es keinen. Er wurde auf dem Altar des Wirtschaftswunders geopfert, an dem nur teilhaben konnte, wer seinen braven Traum vom Eigenheim als calvinistisches Statement in eine widmungswillige Landschaft stellte. Dafür gab es Urlaubssperre und für uns Kinder des Babybooms den Sommer in seiner ursprünglichen Formlosigkeit und ohne Unterbrechung.

Sommer fand draußen statt, war Erde und Wasser und Wald. Ich habe mich beim Sommer nie bedankt, weil er entweder da war und das uneingeschränkt oder eben nicht. Ein bisschen Sommer gab es genauso wenig, wie ein bisschen Schlechtwetter. In meiner Erinnerung gibt es keinen Regen im Sommer, sondern nur erzwungene Regenpausen, in denen wir vorzüglich in Nachbars Veranda Plastikfiguren mit Rexgummis aus ihren Stellungen hinter Pflanzen, Ziertellern und Standfotos schossen oder in Kampfpausen hunderte Matschbox-Autos eine Rampe hinunterließen und danach in ausgeklügelten Statistiken die Sieger ermittelten.

Dass das nicht der Sommer war, wusste jeder von uns. Denn der schmeckte wie die Tage am See nach Sonnencreme und Anarchie. Und nach dem „Opel“, der uns in immer neuen Modellen durch diese Jahre begleitete und Kontinuität atmete, wie mein Vater durch die Filterzigaretten der Marke „Smart Export“, die er nur dann im Auto anzündete, wenn alles gut und das Einchecken in das Wochenende reibungslos abgelaufen war. Auf den Rauch in meiner Nase konnte ich mich verlassen, denn daheim war mein Vater ein Genussraucher. Und weil er in solchen Momenten auf seine Vater-Vorleberolle pfiff, liebte ich sie und genoss es, wie dadurch unter Hand aus unserer Familie eine kleine revolutionäre Zelle wurde.

Die Tage am See waren ein einziger Ausnahmezustand, weil sie den Genuss ebenso wie die Langeweile, die sonst so verpönt war in unseren Kreisen, salonfähig machten. Für uns war diese Langeweile nur ein anderes Wort für Abenteuer. Denn wir hatten buchstäblich alles, was wir zum Atmen brauchten: wir hatten den Wald im Rücken, den Kieselstrand und den grünlich schimmernden See vor uns, der nur dann etwas Warmes hatte, wenn wir uns direkt vom eiskalten Zimitzbach und den dort steil abfallenden Uferbereich hinaus ins grundlose Schwarz trieben ließen.

Das war der behütete, bürgerliche Sommer am See. Er kam und ging wie eine Jahreszeit. Standesgemäß im Juli mit einem Zeugnis in der Hand. Und er wuchs, indem er seine Tage fraß. Ein Glück mit fixem Ablaufdatum und einem melancholischen Beigeschmack, so erscheint er mir heute. Daneben gab es jedoch auch einen inoffiziellen, proletarischen Sommer am Fluss und später am Moorteich, von dem unsere Eltern nichts wussten.

Von wo ich jetzt auf den Sommer meiner Kindheit schaue, wirkt alles beinahe hermetisch abgeriegelt gegenüber jedem Blick von außen. Denn es gab alles damals außer Distanz. Der Sommer war unbedingt nahe und da, als prickelndes Wassers auf der Haut, als Geruch nach verbranntem Gras, das auf den Feldern lag, oder als feuchte Wärme, die sich als Gewitterregen auf den heißen Asphalt legte. Als Erinnerung nehme ich noch heute den Sommer vor allem durch die Nase wahr. Unvermittelt und plötzlich stand er vor unserer Tür und wir wussten instinktiv, was zu tun war.

Er kam mit aller Gewalt und ohne Vorwarnung wie die ersten Mädchen und das andere Geschlecht. Es war am Moorteich, als wir die Schlitze im morschen Holz der Umkleidekabinen entdeckten und durch diese Öffnungen eine neue, geheimnisvolle Welt der Nahaufnahme. Offenbarungen im Halbdunkel – Schamhaare und -frisuren, frische und welke Lippen, Brüste und Bäuche und Backen in allen Formen, Größen und Verpackungen, Achselhöhlen, Muttermale, Sommersprossen und vor allem Haut – schlaff, gespannt, ledern, faltig, schwammig, muskulös, glatt und geschmeidig und immer wieder: Gerüche, Gerüche, Gerüche. Draußen am Holzsteg die Parade der Eitelkeiten, drinnen im Halbdunkel intime Routine und nackte Wahrheit für die Dauer eines angehaltenen Atems.

Damals machten wir den Ausnahmezustand zur Routine. Der Sommer war los und das Verbotene lockte und schillerte in nie zuvor gesehenen Farben. Die Tage waren endlos. Doch der Sommer endete immer abrupt. Nicht mit der Schule, sondern mit Regen und einem Kälteeinbruch, der das Land unwiderruflich in den Herbst tauchte, aus dem es kein Zurück mehr gab. Wenn ich über den Sommer schreibe, kommt immer der Herbst dazwischen, genau so wie damals in der Wirklichkeit. Es kam immer dieser Morgens, an dem die Luft klarer war als sonst und das Geräusch der Kreissägen, die das Holz für den Winter richten, das Land durchschnitt. Und auch, wenn es danach noch einmal warm wurde, von da an blieb die Kühle und nistete in jedem Sonnenstrahl. Vorbei die Unbedingtheit und die Verschwendung des Sommers, nun gab es nichts mehr umsonst. Und alles gehorchte wieder einem fremden Zweck.

Im Funktionieren war ich immer gut, nur im Sommer war ich besser. Im Sommer war ich Teil von allem. Der Sommer war ein Teil von mir. Was davon blieb, ist schwer zu sagen. Die Farben sind verblasst in all den Jahren. Die Sehnsucht blieb bis heute, weil auch die Liebe ging und wieder kam. Sie frag ich in stillen Momenten: Wie viele Sommer habe ich noch?

Donnerstag, 17. September 2009

Interview: Nicholson Baker about Poetry and Beauty

Donnerstag, 25. Juni 2009

Ich-Findung auf schwarzen Ölböden ...

Josef Winkler über Ingeborg Bachmann, Klagenfurt und den Weltenrest - gefunden bei @georgholzer in der Presse:

„Eine ganze Epoche liegt zwischen uns, und heute ein gewaltiges Schneeland.“
Stéphane Mallarmé

1. „ Weil ich, in jener Zeit, an jenem Ort, unter Kindern war und wir neuen Platz gemacht haben, gebe ich die Henselstraße preis, auch den Blick auf den Kreuzberg, und nehme zu Zeugen all die Fichten, die Häher und das beredte Laub. Und weil mir zum Bewusstsein kam, dass der Wirt keinen Groschen mehr für eine leere Siphonflasche gibt und für mich auch keine Limonade mehr ausschenkt, überlasse ich anderen den Weg durch die Durchlaßstraße und ziehe den Mantelkragen höher, wenn ich sie blicklos überquere, um hinaus zu den Gräbern zu kommen, ein Durchreisender, dem niemand seine Herkunft ansieht.“ Steht in der Prosa „Jugend in einer österreichischen Stadt“ von Ingeborg Bachmann. Immer wieder, besonders abends, wenn es dämmert und in Klagenfurt die Straßen leer werden, gehe ich von der Khevenhüllerstraße, über die Radetzkystraße, Richtung Kaserne, wenige hundert Meter weiter, in die Henselstraße, in der Ingeborg Bachmann einen Teil ihrer Kindheit und ihre Jugend verbracht hat, betrachte einen großen, an der Zauntür des Nachbarhauses hängenden Schildpattkranz, einen Katzensilberkranz, wie ich ihn nenne, der aus Hunderten hostiengroßen Schildpatttalern zusammengefügt ist, ziehe ein leicht angeklebtes Schildpatt aus dem Kranz, stecke es schnell und verstohlen ein – auf meinem Schreibtisch wird es liegen müssen, sage ich mir, während ich diesen Text schreibe – und gehe, an das Katzensilber meiner Kindheit denkend, ein paar Schritte weiter zum Haus Nummer 26, zum Haus der Ingeborg Bachmann, das Katzensilber vor Augen, das ich damals am Flussufer der Drau gesammelt, nach Hause getragen, als Lesezeichen in „Winnetou I“ hineingesteckt habe – ein paar Jahre, bevor ich den Namen Ingeborg Bachmann das erste Mal hörte – , an der Stelle, wo Winnetou bei einem Zweikampf seinem damals noch weißen Feind Old Shatterhand ein Messer ins Herz stoßen wollte, aber auf der linken Brusttasche seines Gegners an der Sardinenbüchse abrutschte, so dass das Messer des Indianers seinem Feind Old Shatterhand oberhalb des Halses und innerhalb der Kinnlade in den Mund und durch die Zunge stieß und sein Blut, wie es in „ Winnetou I“ steht, „aus der äußeren Wundöffnung am Hals in einem beinahe fingerdicken Strahle herausrann“.

2. Vor dem Haus von Ingeborg Bachmann stehend und auf den über die Hausmauer rankenden Rosenstrauch und die Gedenktafel der Dichterin verdeckende weiße und rosafarbene Rosenblüten schauend, schiele ich immer wieder nach rechts, ein paar Häuser weiter, stadteinwärts, aufs Gartentor in der Henselstraße Nummer 22, an dem der große, schwere Schildpattkranz hängt, und stelle mir vor, dass dieser Schildpattkranz am Gartentor des Hauses von Ingeborg Bachmann angebracht ist mit einer langen breiten Schleife und mit den aufgedruckten Worten aus ihrer Prosa „Jugend in einer österreichischen Stadt“: „In der Ausdünstung von Ölböden, von ein paar hundert Kinderleben, Zwergenmänteln, verbranntem Radiergummi, zwischen Tränen und Tadel, Eckenstehen, Knien und unstillbarem Schwätzen sind zu leisten: ein Alphabet und das Einmaleins, eine Rechtschreibung und zehn Gebote.“ Wenn Ingeborg Bachmann von der Ausdünstung der Ölböden in der Schule spricht, tauchen wieder die eigenen Erinnerungen vom schwarzen Ölboden im Unterrichtsraum auf, in der „Klasse“ der Dorfvolksschule, wie wir den Raum nannten – damals, wann war das? – , vor einem halben Jahrhundert schon, als der Kleindienst Gerhard, der älteste Sohn einer Keuschlerfamilie, deren Kinder jahrelang versteckt im eigenen Haus und Hof gehalten wurden und niemals mit den Bauernkindern des Dorfes spielen durften, zum ersten Mal an die Dorföffentlichkeit, in die Schule gehen sollte und sich im Flur des Schulhauses gegen den stark nach Öl riechenden Boden stemmte und schrie – wir warteten in der Klasse, in den uns zugeteilten Sitzbänken auf unseren zukünftigen Mitschüler –, so schrie, dass mich sein Schreien an das furchterregende Zwillen eines Schweins erinnerte, das, festgebunden mit einem kotbeschmierten Strick am Oberkiefer, aus dem Stallglitsch in den Hof hinausgezogen wurde, worauf zwei stark behaarte menschliche Hände den geladenen silbernen Bolzenschussapparat, den „Buffer“, wie wir ihn nannten, an den Schädel des sich gegen den Hofboden stemmenden, widerstrebenden Schweins hielten, der Menschenkörper zurückfuhr, das Schwein zusammensackte, der zappelnde dicke Fleischwanst mit hocherhobenen Beinen vor dem Misthaufen lag, mit einem großen Küchenmesser in seinen Hals gestochert und das fingerdick warm herausströmende, in die Waschschüssel, über der sich am Wochenende mit einer Terpentinseife, auf der ein Hirsch aufgedruckt war, die Kinder die Achselhöhlen wuschen, schäumende Schweinsblut von der taubstummen Magd aufgefangen wurde, und während ich in der Henselstraße vor dem Haus von Ingeborg Bachmann stehe und auf den Rosenstrauch an der rosaroten Hausmauer schaue, mir die sich gegen den schwarzen Ölboden stemmenden Füße des weinenden und zwillenden Kleindienst Gerhard vorstelle, der von zwei Erwachsenen, von seiner Mutter und von dem Augengläser tragenden Lehrer, in die Klasse hineingezogen werden musste, fallen mir auch die Worte meines inzwischen dreizehnjährigen, damals siebenjährigen Sohnes ein, der sich auch am zweiten Schultag gegen die Türschwelle der Schule stemmte und flehentlich sagte: „Ich möchte nicht in die Schule gehen, ich möchte Schriftsteller werden!“

3. „Kinder legen alte Worte ab und neue an“, steht in der Prosa „Jugend in einer österreichischen Stadt“ – einer Stadt, die Ingeborg Bachmann in dieser Geschichte nur einmal mit dem Buchstaben „K“ identifiziert. Immer noch vor dem Haus von Ingeborg Bachmann stehend, auf die Blüten des hoch am Gemäuer aufragenden und die Gedenktafel verdeckenden Rosenstrauchs und wieder sehnsuchtsvoll nach rechts auf den am Gartentor des Nachbarhauses hängenden Schildpattkranz schauend, erinnerte ich mich an einen Herbsttag – damals, wann war das? –, als ich, aus Klagenfurt kommend, in meinem Heimatdorf Kamering meinen Freund, den Schneidersohn besuchte, in die nach Stoffballen und Zigaretten riechende, großräumige Küche hineinging, in der seine Mutter an der Singer-Nähmaschine ratterte, sein Vater mit der diskusförmigen, kleinen rosaroten Schneiderkreide den angeschnittenen Stoff markierte, und wir aus dem Radio hörten, dass in Rom die in Klagenfurt aufgewachsene, österreichische Dichterin Ingeborg Bachmann nach einem Brandunfall in ihrer Wohnung ihren schweren Verletzungen erlegen sei. Das Wort „erlegen“ hatte mich damals, als Jugendlichen, irritiert und erschreckt, die Radiostimme sprach nicht von Tod und Sterben, sondern von „erlegen“. Ich ahnte nur, dass die Dichterin tot war, ich hatte auch nicht den Mut, die Schneiderin zu fragen, was denn das Wort „erlegen“ überhaupt bedeutet. In dieser Radiomeldung war auch davon die Rede, dass Ingeborg Bachmann unter Drogen gestanden haben soll, Alkohol und Tabletten eingenommen habe und mit einer brennenden Zigarette eingeschlafen sei, die schließlich einen Schwelbrand auslöste. Ribiselsaft schlürfend und mit einer Gabel im Kirschkuchen stochernd, die Kirschkerne in unsere Hände spuckend, schauten wir in der Schneiderwerkstatt mit Gänsehaut immer wieder aufs kleine Kofferradio, warteten, begleitet von den Morsezeichen der ratternden Singer-Nähmaschine, die nächste volle Stunde ab, um dieselbe Meldung mit neuen Details und vielleicht auch noch einmal das Wort „erlegen“ zu hören, das wir bis dahin nicht einmal vom Hörensagen kannten.

4. „Noch lieber sind sie unter sich, nisten sich auf dem Dachboden ein und schreien manchmal im Versteck, um ihre verkrüppelten Stimmen auszuprobieren. Sie stoßen leise kleine Rebellenschreie vor Spinnennetzen aus.“ Erlegen, um es so zu sagen, erlegen, sage ich und befühle mit der durchstochenen, vernarbten Zunge meinen Gaumen mit Groll und Verzweiflung, denn ich sehe zappelnde Kinderbeine auf dem Asphalt vor mir, erlegen in dieser Stadt, in der ich auch schon mein zweites Jahrzehnt verbringe und in der Ingeborg Bachmann in der Henselstraße aufgewachsen ist, seinen Verletzungen erlegen ist auch der neunjährige Lorenz Woschitz, vor zwei Jahren, als einem größenwahnsinnig gewordenen Bürgermeister und einem ebenso größenwahnsinnigen Landeshauptmann, den beiden Hausherren der Stadt K. und des Landes K., in den Kopf gestiegen war – der eine hat später, schwer alkoholisiert, aus seinem mit dreifach überhöhter Geschwindigkeit fahrenden Auto ein beim Aufprall mehrfach sich überschlagendes Geschoß gemacht –, für drei Fußballspiele, für viereinhalb Stunden Fußball also, ein gigantisches Fußballstadion in dieser Kleinstadt zu bauen. Der neunjährige, gerade aus der Schule kommende Lorenz Woschitz, der auf dem Heimweg war, wurde in Klagenfurt an einer Kreuzung – damals ein Dreivierteljahr lang eine ein paar hundert Quadratmeter große Baustelle –, die er auf einem Zebrastreifen bei Grün überquerte, von einem Lastwagen überfahren und getötet. Um das neue Fußballstadion schneller fertig bauen zu können, in dem im Juni 2008 in Klagenfurt drei Europameisterschaftsspiele stattfanden, wurde von dieser Kreuzung, an der sich der tödliche Unfall ereignete, immer wieder Personal zu Arbeiten ins Fußballstadion abgezogen, manchmal sah man wochenlang keine Arbeiter auf dieser mit Verkehrstafeln und Hindernissen vollgepflasterten, die Autofahrer irritierenden Kreuzung, und so haben die verantwortlichen Straßenbauer, die Sensenmänner von Klagenfurt, wie ich sie nenne, schließlich den Tod eines Schulkindes buchstäblich aus dem Asphalt gestampft. Von einem Omnibus aus, der im Verkehr ins Stocken geraten war, sahen Schulkinder den sterbenden, noch mit den Beinen zappelnden, neunjährigen Lorenz Woschitz auf dem Asphalt liegen, in der Radetzkystraße, wenige hundert Meter von der Henselstraße entfernt, in der Ingeborg Bachmann im Haus mit der Nummer 26 Kindheit und Jugend verbracht hat. „Die Kinder haben keine Zukunft“, steht in der Prosa „Jugend in einer österreichischen Stadt“. „Sie fürchten sich vor der ganzen Welt. Sie machen sich kein Bild von ihr, nur von dem Hüben und Drüben, denn es lässt sich mit Kreidestrichen begrenzen. Sie hüpfen auf einem Bein in die Hölle und springen mit beiden Beinen in den Himmel.“

5. Diese Stadt Klagenfurt, die sich seit über 30 Jahren, jährlich im Juni, in der Zeit der Lindenblüte, als deutschsprachige Literaturhauptstadt feiern lässt, ist wohl die einzige Stadt Mitteleuropas mit 100.000 Einwohnern, in der es keine eigene Stadtbibliothek gibt, in einem Land, in dem der damalige, inzwischen eingeäscherte Landeshauptmann gemeinsam mit dem röm.-kath. Parteivorsitzenden der sogenannten christlich-sozialen Volkspartei – der vor einem Jahr einen schweren Verkehrsunfall überlebt und nach seiner Genesung im Freundeskreis demutsvoll erzählt hat, dass ihm, um seine Worte zu gebrauchen, die „Lourdes-Mitzi“ beim Verkehrsunfall das Leben gerettet hat –, dieser Kärntner ÖVP-Vorsitzende und der ehemalige Kärntner Landeshauptmann, der sich mit seiner Asche aus dem Staub gemacht hat, haben im vergangenen Jahr beim Verkauf der Kärntner Hypo-Bank einem Villacher Steuerberater für seine zweimonatige mündliche Beratung ein Honorar in Höhe von sechs Millionen Euro in räuberischer Manier aus Landesvermögen zugeschanzt, und höchst appetitlicherweise ist dieser Villacher Steuerberater auch noch der persönliche Steuerberater des Kärntner ÖVP-Politikers, dem Himmel und Gott sei Dank die Lourdes-Mitzi bei einem Verkehrsunfall das Leben gerettet hat. Gegrüßt seist du, Maria, Königin der Güte, Ölbaum der Barmherzigkeit, durch welchen uns die Arznei des Lebens zukommt! Das gigantische Stadion, das für drei Europameisterschaftsspiele gebaut wurde, hat über 70 Millionen Euro, also eine Milliarde Schilling gekostet, und der Villacher Steuerberater hat für seine zwei Monate lange mündliche Beratung, von diesen beiden Politikern sechs Millionen Euro, also 83 Millionen Schilling, eingestreift. Der von den beiden Politikern auf diese Art und Weise zum Multimillionär gemachte Steuerberater begründete die Höhe des Honorars unter anderem mit den Worten: „Es waren zwei intensive Arbeitsmonate!“, und: „Ich habe mein Werk abgeliefert!“ (Zuerst hätten es 12 Millionen Euro Honorar sein sollen, aber er hat sich erweichen lassen und hat dem Land einen, um seine Worte zu gebrauchen, „Patriotenrabatt“ gewährt und schließlich nur mehr sechs Millionen Euro verlangt und bekommen.) Aber für eine Stadtbibliothek in der Landeshauptstadt, wie es sie in jeder Stadt Mitteleuropas gibt, hatten diese drei erwähnten Politiker in den letzten Jahren, und eigentlich seit dieser Literaturwettbewerb existiert, kein Geld. Sie haben kein Geld für eine Bibliothek für Kinder und Jugendliche. Sie haben kein Geld für Bücher. Sie haben kein Geld für die Bücher von Ingeborg Bachmann. Sie haben kein Geld für den „Guten Gott von Manhattan“. Sie haben kein Geld für die „Anrufung des Großen Bären“. Sie haben kein Geld für „Die gestundete Zeit“. Sie haben kein Geld für „Malina“, für „Das dreißigste Jahr“. Seit über dreißig Jahren haben sie kein Büchergeld für die Jugend dieser österreichischen Stadt!, denke ich, in der Henselstraße, vor dem Haus von Ingeborg Bachmann stehend, auf den an der rosaroten Hausmauer sich hochrankenden Rosenstrauch und immer wieder nach rechts zum Schildpattkranz schielend, der schwer auf der Gartentür des Nachbarhauses hängt. „Es ist kein Geld im Haus. Keine Münze fällt mehr ins Sparschwein. Vor Kindern spricht man nur in Andeutungen. Sie können nicht erraten, dass das Land im Begriff ist, sich zu verkaufen und den Himmel dazu, an dem alle ziehen, bis er zerreißt und ein schwarzes Loch freigibt.“ Um die Politik Willy Brandts zu unterstützen, drückte im Oktober 1972, also ein Jahr vor dem Tod von Ingeborg Bachmann, bei einem Parteitag, der Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll, seine Abscheu vor den Mächtigen, die keine Scham haben, mit folgenden Worten aus: „Es gibt nicht nur eine Gewalt auf der Straße, Gewalt in Bomben, Pistolen, Knüppeln und Steinen, es gibt auch Gewalt und Gewalten, die auf der Bank liegen und an der Börse hoch gehandelt werden.“

6. „Die Durchlaßstraße hat ihren Namen nicht von dem Spiel, in dem die Räuber durchmarschieren, aber die Kinder dachten lange, das wäre so“, schreibt Ingeborg Bachmann in ihrer Geschichte „Jugend in einer österreichischen Stadt“. Und: „Erst später, als die Beine sie weiter trugen, haben sie den Durchlaß gesehen, die kleine Unterführung, über die der Zug nach Wien fährt. Hier mussten die Neugierigen hindurch, die zum Flugfeld wollten, über die Felder, quer durch die Herbststickereien. Jemand ist auf die Idee gekommen, den Flugplatz neben den Friedhof zu legen, und die Leute in K. meinten, es sei günstig für die Beerdigung der Piloten, die eine Zeit lang Übungsflüge machten. Die Piloten taten niemand den Gefallen abzustürzen. Die Kinder brüllten immer: Ein Flieger! Ein Flieger! Sie hoben ihnen die Arme entgegen, als wollten sie sie einfangen . . .“ Ich verlasse die Henselstraße, verabschiede mich noch von der die rosarote Hausmauer hochrankenden Rosenstaude und vom Schildpattkranz, gehe die St. Veiter Straße entlang, am rosaroten Haus mit der Nummer 24 vorbei, in dem der Zeichner Alfred Kubin vier Jahre lang als Jugendlicher verbracht hat, zur Durchlaßstraße, durch die Unterführung, über die der Zug nach Wien fährt, zum Annabichler Friedhof. Einen Steinwurf nur vom Grab von der Ingeborg Bachmann und einen Katzenhechtsprung vom Flugplatz entfernt, ist das Grab des neunjährigen Lorenz Woschitz. Weit auseinandergegrätscht und unendlich verlängert hat man seine Beine, der eine Fuß ist im Himmel, der andere ist in der Hölle, um die Worte von Ingeborg Bachmann zu paraphrasieren, und auf der Straße ist in der Todesstunde eine Kreidezeichnung in Gestalt eines Kindes geblieben, bis sie ausradiert worden ist vom Regen, Staub oder Wind. Der Magistrat der Stadt Klagenfurt war nicht imstande, der Familie einen zinslosen Kredit für die Begräbniskosten – mit weißem Kindersarg – zu gewähren. Es gibt dafür keinen Budgetposten!, soll es wörtlich geheißen haben. Rote und lachsfarbene Nelken blühen auf dem Grab des Kindes, violette Stiefmütterchen, ein Herz aus Glas als Blumenbehälter, ein blauer Lederball, auf dem „Euro 2008“ steht, auf dem kleinen, schönen Grabstein das Brustbild des neunjährigen Buben, ein blauer, leicht bewölkter Himmel hinter seinem blonden Scheitel. „Wir vermissen dich!“ steht auf einem danebengesetzten, kleineren Stein, neben einem Gipsengel. Ja, wir vermissen dich, Lorenz Woschitz! Mit meinen Schritten vermesse ich die steinwurfweite Entfernung bis zum Grab von Ingeborg Bachmann, in dessen Mitte, umgeben von der Umklammerung niedergeschnittener Buchsbaumsträucher, ein rostfarbener Keramiktopf mit rosaroten Petunien steht. Auf ihrem Grabstein, zwischen den Buchstaben A und C des Namens Bachmann, steckt ein kleiner, weißer, ein wohl vom Bachwasser, denke ich, herzförmig zugeschliffener Stein. „In dem Mietshaus in der Durchlaßstraße müssen die Kinder die Schuhe ausziehen und in Strümpfen spielen, weil sie über dem Hausherrn wohnen. Sie dürfen nur flüstern und werden sich das Flüstern nicht mehr abgewöhnen in diesem Leben. In der Schule sagen die Lehrer zu ihnen: Schlagen sollte man euch, bis ihr den Mund auftut. Schlagen? Zwischen dem Vorwurf, zu laut zu sein, und dem Vorwurf, zu leise zu sein, richten sie sich schweigend ein.“

7. Als ich mich vor 14 Tagen, auf einer Lesereise in der Türkei, in Ost-Anatolien in der Stadt Van aufhielt, sechzig Kilometer von der irakischen Grenze entfernt, durch die Stadt ging und in einer Markthalle eine Scheibtruhe sah, in der sich an die 30, 40 schwarze, blutige Schafsschädel stapelten, da dachte ich, während der Fleischhauer die schwarzen Schafsschädel nacheinander in einen Schacht hineinwarf, wie lange werden sich die Bevölkerung des Landes K. und die Bewohner der Stadt K. von diesen schamlosen und räuberischen Politikern, den Hausherren des Landes Kärnten und den Hausherren der Stadt Klagenfurt, noch ausbeuten lassen, wann werden sie endlich auf die Straße gehen und den Mund aufmachen, wie lange werden sie sich noch schweigend einrichten, wie lange noch werden sie demütig sein und sich lammfromm ausrauben lassen, bis sie vielleicht, die Bevölkerung und die Bewohner dieser Stadt und dieses Landes, mit letztem großen Staunen vor ihren eigenen Eingeweiden stehen, die ihnen zu Füßen liegen werden, wie lange noch, dachte ich, als ich dem anatolischen Fleischhändler zuschaute, wie er nacheinander die blutigen, schwarzen Schädel der Schafe entsorgte, bis die blutbeschmierte Scheibtruhe leer war und ein Kind in einer Schlangenlinie mit ihr davonfuhr. „Zeit der Trophäen, Zeit der Weihnachten, ohne Blick voraus, ohne Blick zurück, Zeit der Kürbisnächte, der Geister und Schrecken ohne Ende. Im Guten, im Bösen: hoffnungslos.“

Freitag, 6. Februar 2009

Strip-tease ...

Mein Freund aus Kopenhagen hat dieses Video in Facebook gepostet. Er twittert nicht, er macht. Und wie er macht. Danke dir, Erhard. Großartig. Aber: ist das wirklich von dir?

Donnerstag, 5. Februar 2009

Stille Wasser: Zum Film Revanche ...

Am Montag den Film REVANCHE von Götz Spielmann gesehen. Und aus dem Kino getorkelt, wie schon lange nicht. Großes Kino. Punkt. Aus Österreich. Unglaublich. Und wieder Oskar-nominiert. Wie DIE FÄLSCHER, der gut war und politisch korrekt und engagiert gespielt. Aber eben kein großer, kein wirklich großer Film.

Spielmann hat einen gemacht. Hat sich sein eigenes Erzählen zugetraut und ist über Genregrenzen hinausgewandert, wie wenn es nichts Einfacheres gäbe. Revanche ist nicht nur formal überzeugend, er ist Heimatfilm, Doku, Milieustudie, Thriller und Psychodrama in einem. Gratuliere Götz! Die Nominierung ist alles, der Rest ist Politik. Denn - seien wir uns ehrlich - 2x Österreich hintereinander wäre sogar uns zu viel ;-)

revanche2


Bei den Dreharbeiten: Im Scheunentor ganz links Johannes Krisch als Alex, in Bildmitte "der Hausner" Hannes Thanheiser mit seiner Knopfharmonika und rechts davon Götz Spielmann am Regiepult.

Donnerstag, 11. Dezember 2008

Ilias - ein Erzählfundament

Die Erde, die von Menschen erdrückt wird, die keine Gottesfürchtgkeit mehr kennen, bittet Zeus, sie von dieser Bürde zu erlösen.

ilias So leitet der Vorgesang ins erste Buch der ILIAS, die Raoul Schrott für uns neu geschrieben und dabei in einem kulturgeschichtlichen Handstreich nicht nur TROJA, sondern mit ihm auch den Griechen Homer und die Anfänge des Abendlands in den assyrischen Kulturraum verlegt hat.

Interview mit Raoul Schrott

Wer Podcasts als aufgepeppte Links (also zusammen mit Play-Taste) so wie hier auf einfachste Art und Weise anzeigen will, der sei auf dieses Javascript von del.icio.us namens playtagger verwiesen. Einfach und schnell!

Freitag, 14. November 2008

Nichts als Wörter ...

"Degas sagte eines Tages zu Mallarmé, er würde gern Gedichte schreiben, er habe sehr viele Ideen. Die Antwort war, dass man ein Gedicht nicht mit Ideen schreibt, sondern mit Wörtern."
... erzählt Michel Butor in der "Unendlichen Schrift".

Vielleicht geht es den Fotografen ähnlich. Ihr Alphabet besteht aus abgegriffenen Bildern. Und sie haben keine andere Wahl.

Samstag, 31. Mai 2008

Du in der Mitte ...

Wir verdienen die Freiheit nicht,
solange wir den Kerker in uns tragen.
Wir verdienen die Liebe nicht
solange wir sie nur besitzen wollen.

Du bist die Mitte meines Lebens ...

Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich
Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich
Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich
Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich
Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich
Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich
Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich
Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich
Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich
Ich Ich Ich Ich Ich Du Ich Ich Ich Ich Ich
Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich
Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich
Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich
Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich
Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich
Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich
Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich
Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich
Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich
Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Wir

Gefunden in Brand Eins

Samstag, 24. Mai 2008

U don´t know what I know ...

Er wusste nicht, was passieren würde, wenn er den Deckel von seinem Seelengefäß, das nach all den Jahren zum Seelengefängnis geworden war, lüften würde. Sicher war er nur, dass es sein musste - es einer der Schritte war, die jetzt zu tun waren, wenn er jemals wieder offen und ganz sein wollte. Wahrscheinlich wird es Schmerz sein, durchzuckte es ihn, als die Hand bereits hineingetaucht war, wo er die Seele vermutete und das schlagende Herz, sein Herz, in der Hand hielt, während er, wie nach einem mittelalterlichen Gemetzel über die Leichenberge stolperte, die einem unergründlichen und grausamen Muster folgend die Landschaft überzogen, die Landschaft bildeten, wie auf den Schlachtengemälden von Albin Egger Lienz.

Er erinnerte sich, wie er im Kriegsraum niedersank - beeindruckt, schockiert, fassungslos, ob der Erfahrungen, die hinter dem Öl liegen mussten. Und er war dankbar, dass er in diesem Augenblick nicht alleine war. Was hier so grausam war, war nicht der Tod, sondern waren die qualvollen Verrenkungen der Körper, in denen sie uns aus dem Tod entgegen starrten, hineingezwängt in eine Uni-Form, die ihnen so äußerlich ist, wie es nur irgendetwas sein kann. Nein, sie starren nicht, haben keine Augen, dachte er, nur dunkle Augengruben, deren Sog die Blicke auf die Katastrophe bündelt.

Verrenkungen, die plötzlich als die in der Physis des menschlichen Körpers auf den Punkt gebrachte Entfremdung erkennbar wurden. Egger Lienz - sein Maler der Entfremdung UND des Verwurzeltseins. Und manchmal - wie in den späten Schnitter-Versionen - der Entfremdung im Verwurzeltsein. Alles ist möglich, manchmal sogar Verstehen.

Und während er das sah und dachte, betrat er einen neuen Raum, nein, es war kein Raum, doch es war Raum, aber einer ohne Wände, Platz vor allem, für mehr als einen, stand er in einer hohen Wiese, der Wind strich über ihn hinweg und wie durch ein Wunder knospete er.

u-dont-know
Die Musik dazu kommt von Sneaky Pete:

U don´t see what I see
U don´t know what I do
U don´t feel what I feel
Cause U don´t know what I´ve been through



Ach ja, und natürlich die Dirty Version downloaden, aber das ist ja ohnehin klar, ist es nicht? Übrigens: die Egger Lienz-Ausstellung ist bis Ende Juni verlängert. Hingehen und fürchten!

Siniweler - Ohne Tal

Kein Ort zum Verweilen, nirgends. Wohin uns die Reise führt? Geradewegs lotrecht zu allem, was das Herz schneller schlagen lässt.

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