Postmodernism

Dienstag, 8. Juli 2008

Dein Schweigen ist kein zeichenloses Stummsein ...

Josef Mitterer wird 60 und im selben Atemzug mit Ludwig Wittgenstein genannt. Das ist eine Erwähnung wert. Zumal Mitterer in Österreich weitgehend unbekannt ist und - wie alle anderen ernst zu nehmenden Philosophen hierzulande - im Schatten eines Philosophielehrers namens Konrad Paul Liessmann steht, den wir uns halten, wie einen pragmatisierten Hofnarren.

Schon 1994 hob ein Rezensent hervor, dass Josef Mitterer mit seinen 100 Thesen "Jenseits der Philosophie" das gelungen ist, woran Wittgenstein in seinen "Philosophischen Untersuchungen" scheiterte. Es gibt - wei Erich Heller irgendwann bemerkte - Philosophien, die wie Berge sind - man erklimmt sie, oder man erklimmt sie nicht - und solche, die Städten gleich zu betreten sind und in denen jede Gasse "mehr oder weniger" zum Verständnis beiträgt, in dem sie den suchenden Blick selbst zum Thema macht. Wittgenstein gründete auf einem Bergplateau eine Stadt, die man erklimmen muss - über eine Leiter, an der jede Sprosse eine Nummer trägt: wie die Abschnitte in seinem "Traktat". Doch eine eigentliche Leiter, die uns zur Stadt führen könnte, ist der Trakat nie gewesen. Er ist eine Aneinanderreihung von Sätzen, die das Ende eines Unternehmens markieren, Sätze von der Grenze der Sprache und von dem Schweigen, das zwischen dem Sprechenden ist und der Welt. Man stellt sich auf die erste Sprosse der Leiter und tut, als wäre es die letzte; man spricht aus, wovon man nicht sprechen kann - doch weder ist die Stadt in Sicht, noch wurde ihr Bau begonnen. Weil die Sprache nicht nur der Schlüssel zur Stadt ist - wie sich später herausstellen wird -, sondern auch das Vehikel, in dem man sich in ihr zu bewegen hat. "Bedeutung" entsteht bei Wittgenstein wie bei einer Perlenkette, die aus einem schwarzen Loch gezogen wird: die einzelnen, zum Vorschein kommenden Glieder schlagen wie von selbst ihre Verbindung zur Kette, die vorher nicht da war. Warum? Weil es kein Außerhalb unserer Sprache gibt.

Und Mitterer? Auch er verwirft in seiner Philosophie die herkömmliche Auffassung, dass wir Objekte von ihren Beschreibungen trennen können. Er geht aber noch einen Schritt weiter, indem er dem "Aspektsehen", das Wittgenstein anhand eines Dreiecks vorführt, die Grundlage verweigert - nämlich das Dreieck: "Wenn wir davon sprechen, welchen Deutungen gemäß das Dreieck gesehen werden kann, dürfen wir jedoch nicht vergessen, daß auch das Dreieck eine Deutung, ein Aspekt, ist." (S. 24)

Womit wir beim Merksatz wären, mit dem wir diese Stunde beenden: "Wenn eine Priorität des Objekts gegenüber der Objektangabe erst nach der Objektangabe behauptet werden kann, läßt sich eine Sprachverschiedenheit des Objekts durch den Verweis auf die Priorität des Objekts gegenüber der Objektangabe nicht mehr begründen." (S. 98, These 70 in "Jenseits der Philosophie")

Noch Fragen?

Sonntag, 18. November 2007

Was weiß das Netz über dich?

Sie heißt also yasni.de - die erste deutsche Personensuchmaschine. Sie veröffentlicht nicht nur ungeniert deine persönlichen Wunschlisten bei amazon, sondern liefert ganz nebenbei auch ein neues Kapital zum Thema Ego-Editing. So heißt es bei yasni: Komplett selbst erstellte Profile auf anderen Plattformen sind einfach zu "schönen", Suchergebnisse sind ehrlicher. Ehrlicher? Für wie blöd hält man uns? Das ganze nennt sich Reputations-Management, wie uns die Computerwoche versichert, und gibt es neben yasni nun auch bei myON-ID - mit der wunderbaren Tagline: Mein guter Ruf im Internet - und natürlich auch als großes US-Vorbild unter spock.com.

Um zu wissen, was andere über mich wissen - startete ich also den Selbstversuch mit yasni und produzierte in Sekundenschnelle die Tagcloud zu meiner Person.

woto Und: Sie berührt mich - als Re-Mix aus meinem Leben!

Nicht nur, weil sich Paul Feyerabend, über den ich vor Jahren einen Artikel geschrieben habe, wacker darin hält. Es berührt mich auch mein Alter Ego Lobenhoffer, die wunderbare Kombination Technet Tibet, die Zahl Sieben und Mariana im Zentrum. Inspirierend auch die Wortkombinationen: Danke Deutsch und Meilenstein Mendoza.

Was sonst noch? Die Liebe in der Mitte, der Stein bald dahinter und das kleine Wort Zukunft am Ende. Es gibt mir Kraft.

Dienstag, 6. November 2007

Juri Gargarin - 7 Jahre zu spät

Und da passierte es wieder einmal, dass GARDENER sich aus seiner Landschaftsskulptur erhob und zu uns sprach. Es war Anfang Oktober und als Nachtrag zum 15.9. gedacht. Die Mitschrift seiner Beweisführung zu Maria Himmelfahrt und einer verschwiegenen Episode im Wettlauf um das All ist wie immer zwingend und abwegig zugleich. Aber so kommen ja alle großen Wahrheiten daher.

Samstag, 3. November 2007

So what ...

Unglaublich aber wahr: Siniweler hat den internationalen Wettbewerb gewonnen, der vom Künstler Joshua Sofaer für das Fierce!Festival 2007 weltweit ausgeschrieben wurde - Sie sehen es selbst: "The massive illuminated winning name was installed on the top of Birmingham Central Library (one of the largest and most important libraries in Europe) which is part of Paradise Forum in the centre of Birmingham and is a landmark building. When it was illuminated in spring 2007 the name in lights could be seen by over 60,000 people every day."


I got my name in lights with notcelebrity.co.uk

Wir übersiedeln demnächst auf einen neuen Server!

Donnerstag, 18. Oktober 2007

Almost famous ...

Sie wollen wissen, wie man ein berühmter Blogger wird? Ganz einfach: Stefan Graf, den Stephan Walcher falsch zitiert (siehe Stefan Graf´s Kommentar bei Stephan Walcher), der wiederum von Franz Kühmayer kommentiert wird, indem dieser zum Thema eine nützliche Linksammlung in ganze Sätzen bringt, sagt uns, wie es geht.

Und er sagt uns indirekt, wie diese komische Blogosphäre genannte Welt funktioniert. Ich bin der Link hinter meiner Position. Der Link, der immer schon woanders ist. Ich bin das Abwesende in meinem Denken. Ich bin, der ich nicht bin.

famous_thumb

Montag, 8. Oktober 2007

Kopf oder Bauch?

Peter Strasser nimmt im SPECTRUM Stellung zur Intuitionswoge, die das Büchermeer gerade aufwühlt. Und er beginnt seinen Essay, der in guter Tradiiton nicht weiß, wohin er will, mit den Worten: "Wörter machen Sachen." Dieser Satz ist sein Einstieg in eine veritable Themenverfehlung. Denn hier geht es nicht um die erkenntnistheoretische oder semiotische Konstruktion von Wirklichkeiten bzw. um das Konstruktive (Sprachliche), das allem Wirklichen anhaftet, sondern um die Beschreibung unseres Zugangs in diesen Raum der Erkenntnis. Nicht um das Resultat, sondern um den Vorgang, um die Art und Weise, wie wir uns Wirklichkeit, die in diesem Fall als gegeben vorausgesetzt wird, aneignen und interpretieren. Weil es dabei zwischen den Zeilen auch um das Scheitern des Philosophiebetriebs geht, den Leute wie er oder Liessmann in Österreich bestens verwalten, schreibt Strasser dagegen an.

Was er vergisst, ist, dass es bei der Frage KOPF oder BAUCH schon lange nichts mehr zu entscheiden gibt. Kant, den Strasser ebenfalls aber anders zitiert, sieht das Denken vor allem diskursiv und wendet damit die Frage: AUTISMUS oder EMPATHIE? TERROR oder KOMMUNIKATION? Und nicht DENKEN oder FURZEN, wie Strasser uns zwischen den Teilen glauben machen will.

Apropos Terror: Peter Strasser erinnert uns daran, dass es in den Vereinigten Staaten im Jahr nach dem Anschlag auf das World Trade Center bei Autounfällen etwa 1600 Tote mehr gab, weil die Menschen aus Angst vor Flugzeugkidnappings "intuitiv" die Straße bevorzugten. Warum versagt bei diesen unsere Empathie? Und warum - frage ich Sie - ist unser Darm ähnlich gewunden wie unser Gehirn? Auskünfte gibt Ihre Emotionsdatenbank.

Montag, 24. September 2007

Documenta 12 ...

Die gestern zu Ende gegangene, die ich nicht mit einem Wort würdigte, wenngleich sie aus Distanz den ganzen Sommer über unter Beobachtung stand, beschließe ich - hier und jetzt - mit einem Nachruf. In 100 Tagen passierten 754.301 BesucherInnen aus 52 Ländern die Drehkreuze der Ausstellung. Das sind 16% mehr als im Vorjahr. Einzigartig, wie es von offizieller Seite heißt. Für mich einzigartig waren die 1001 von Ai Weiwei im Rahmen seines Fairytale-Projekts eingeladenen Chinesen, die in Kassel durch 1001 an allen Ausstellungsorten verstreute Stühle omni-präsent waren.

Das Abschlussstatement zur Documenta überlasse ich Rainald Goetz . Was er dazu sagt, hat wie immer wieder Hand und Fuß: "Produktive Kollektive brauchen eine möglichst inhomogene Gruppe speziell aus-differenzierter Individuen, von denen jeder auf andere Art auf das Gemeinsame des intendierten Produkts bezogen ist. Das Gemeinsame ist die Idee der Sache, deren Charakter vertreten wird vom Chef. Er muss die Differenzen seiner Leute mobilisieren, auf das Ganze hin anreichern und zusammenführen. Dabei wird prozessual und experimentell am Output ermittelt, wie die Idee der Sache sich jeweils neu konkret aktualisiert. Je komplizierter die dabei ablaufenden Prozesse Widersprüche, Widerstände und Marginalitäten nicht ausschließen, sondern in die Sache hereinholen, umso besser wird das Resultat. Beispiel: Documenta 12."

Was ich daraus lerne?
> Kurze Sätze tun nur so als ob sie einfach wären.
> Wahrheiten ohne Widersprüche werden nicht mehr geduldet.
> Output immer am Prozess ausrichten.
> Um der Sache Gestalt zu verleihen braucht es einen Chef, oder zumindest ein Statement, das so tut als ob. Denn nur wer Reibeflächen systematisch herstellt, wird dort auch Ideen entzünden können.
> Was passiert und was nicht passiert, entscheiden nicht wir. Für mich konkret bedeutet das, dass ich keine Schummlereien mehr zulasse, was das Datum der Blogbeiträge angeht. Wenn ich schreibe, schreibe ich und wenn ich stumm, bin ich stumm. In Zukunft, für immer!
> Nur mehr Ergänzungsfragen stellen.
> Es gibt eine Kunstform, die schert sich um nichts. Ist Denken als Kunst nicht künsteln der Gedanken. Ist ein Anfangen mehr als ein Zu-Ende-Bringen. Ist kurzes Aufleuchten in der Nacht. Ist ALMBLITZ und kommt als Geschenk. Bestenfalls.

Was ich daraus lerne?
Wenig bis nichts.
Macht nichts.

Mittwoch, 30. Mai 2007

Culture ist NOT your friend ...

... denn sie liefert bloß Erfahrung aus zweiter Hand. Wie jeder Film, den man schaut, jedes Buch, das man liest - bloß aufhält, Energien abzieht, uns aussaugt. Wir sollten Kultur produzieren, jeden Tag, und nicht die Outputs anderer betrachten. Statt lesen also schreiben, statt anderen beim Leben zuschauen, selber leben, so gut es geht.

Das war 1999 in Seattle - durchaus konsequent gedacht von Terence Mc Kenna, einem der großen Psychodeliker des 20. Jhdts., dem dann im Alter von knapp 53 Jahren am Strand von Hawaii der Pilz das Hirn auffraß.

Sonntag, 6. Mai 2007

Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg ...

Heute abend gehts ins Akademietheater, ganz spontan zur Premiere von Peter Handkes SPUREN DER VERIRRTEN. Was zu erwarten ist? Eine rhythmische Choreographie der Worte von Friederike Heller - und die Kante, die Blumfeld-Erben des neuen Jahrtausends, sind mit von der Partie. Grund genug, nochmal reinzuhören, in meine Hymne der 90er.

Mittwoch, 7. März 2007

Schlägt das Reale zurück?

Jean Baudrillard (20.7.1929 - 6.3.2007) ist tot. Wieviele Nachrufe sind nun zu erwarten mit dem Tenor: "das Reale hat zurückgeschlagen"? Wieviele Male werden die alten Missverständnisse aufgewärmt, wo doch nichts anderes zu vermerken wäre, als dass damit die Postmoderne endgültig am Ende ist. Dass wir, die Spätgeborenen, nun tatsächlich eingetreten sind in das, was sich Hypermoderne oder sonstwie nennen wird. Aus und vorbei, der Bezug zu den alten, modernen Werten, den sich die Postmoderne als direkter Nachkomme der Moderne noch leisten konnte. Aus und vorbei, wir dürfen uns auf die Postmoderne beziehen, wenn wir wollen, wenn das noch was bringt.

Dies hier ist kein Nachruf. Dies hier ist einfaches Zeilengeschwader, ich höre meine Finger über die Tasten des Notebooks stolpern und fühle mich einsamer als zuvor. Hier ist nichts mehr wirklich - nur der Tod tritt immer noch auf als hätte er all die Revolutionen verschlafen. Doch lassen wir ein letztes Mal den Denker zu Wort kommen, der nur wenig Freunde hatte und damit leben musste, dass ihn kaum jemand verstand, oder doch nur die Sorte hyper-nervöser (das passt!!) und vollkommen überzogener Intellektuellen, die versuchten, ihn in seiner Opakheit zu übertreffen.

Auf die Frage nach seinem Verhältnis zu Susan Sonntag, antwortete er in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung: "Wir sahen uns von Zeit zu Zeit, aber das letzte Zusammentreffen war eine Katastrophe. Sie kam zu einer Tagung in Toronto und griff mich an – ich hätte geleugnet, dass es so etwas wie Wirklichkeit gebe."

Und endend - wie es sich gehört - mit Primärtextlichem (aus: Agonie des Realen): "Disneyland existiert, um das "reale" Land, das "reale" Amerika, dass selbst ein Disneyland ist, zu kaschieren (ein bisschen so, wie die Gefängnisse da sind, um zu kaschieren, dass das Soziale insgesamt in seiner banalen Omnipotenz eingekerkert ist). Disneyland wird als Imaginäres hingestellt, um den Anschein zu erwecken, alles Übrige sei real. Los Angeles und ganz Amerika, die es umgeben, sind bereits nicht mehr real, sondern gehören der Ordnung des Hyperrealen und der Simulation an. Es geht nicht mehr um die falsche Repräsentation der Realität (Ideologie), sondern darum, zu kaschieren, dass das Reale nicht mehr das Reale ist, um auf diese Weise das Realitätsprinzip zu retten."

Hier steht es, schwarz auf weiß: Baudrillard leugnete nie das Reale, sondern versuchte immer nur den Punkt zu markieren, an dem ein bestimmtes Prinzip der Realität verschwindet ... dazu auch Christian Fuchs, der aus der Transparenz des Bösen zitiert: "Wollte man den gegenwärtigen Stand der Dinge benennen, so würde ich sagen, wir befinden uns nach der Orgie. Die Orgie ist der explosive Augenblick der Moderne, der Augenblick der Befreiung in allen Bereichen. Politische Befreiung, sexuelle Befreiung, Entfesselung der Produktivkräfte, Entfesselung der destruktiven Kräfte, Befreiung der Frau, des Kindes, der unbewußten Triebkräfte, Befreiung der Kunst. Hochjubeln aller Repräsentations- und Antirepräsentationsmodelle. Es war eine totale Orgie des Realen, des Rationalen, des Sexuellen, des Kritischen und Antikritischen, des Wachstums und der Wachstumskrise. Wir sind alle Wege der Produktion und virtuellen Überproduktion der Objekte, der Zeichen, Botschaften, Ideologien und Vergnügungen gegangen. Heute ist alles befreit, das Spiel ist gespielt, und wir stehen gemeinsam vor der entscheidenden Frage: WAS TUN NACH DER ORGIE?"

Siniweler - Ohne Tal

Kein Ort zum Verweilen, nirgends. Wohin uns die Reise führt? Geradewegs lotrecht zu allem, was das Herz schneller schlagen lässt.

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