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Ohne Dritten sind wir nichts, taugen wir nichts als Paar. Keine Handlung mehr, nur noch Spuren, die sich verlaufen. Schon damals in der Schulzeit hätten wir es wissen müssen - beim ersten Alleinsein mit dem ersehnten Gegenüber ohne unsere Klassenkameraden -, dass da etwas fehlte. Wir waren aufeinander geworfen, hilflos Hand in Hand, ohne den Dritten. So allein waren wir niemals zuvor allein.
Der Mann: "
Bisher hat es noch jedesmal einen Dritten gegeben, der uns dann aufhalf, wunderbar. Wunderbarer Dritter. Der uns zweien heraushalf, einfach, indem er der Dritte war." Doch jetzt:
"Kein Dritter weit und breit."
Der Dritte: "
Die Zeit ist um. Das Ende der Zeiten. Der Jüngste Tag. Es gibt die Zeit nicht mehr, die Zeit `Zeit´. Es ist aus mit der Zeit. Zwar werden Tage und Jahre sein, aber die Zeit wird nimmer sein. Zwar werden Jahre vergehen, aber die Zeit wird nimmer vergehen."
Der Dritte: "Ich hätte all die Zeit selber einen Dritten gebraucht, und mein Dritter wieder seinen Dritten. Streitfrage unter den Zeit-Wissenschaftlern, was wohl zuerst kam: Zeit weg, AUfgebrauchtsein des Elements der Elemente, des Grundstoffs Zeit, und in der Folge Verschwinden des Gegenüber, des Nachbarn, des Nächsten, des andern - oder umgekehrt zuerst das Verschwinden des andern, und dann das In-Atome-Zerfallen, Sich-Verflüchtigen und Erlöschen der Zeit."
coyote05 - 7. Mai, 12:08
Gerade Das Wetter vor 15 Jahren von Wolf Haas verschlungen, mehr als 200 Seiten lang aus dem Staunen nicht herausgekommen. Wie macht der das nur, dass das so aufregend ist, mit so viel Suspense und so viel Spannung - nicht nur zwischen dem Autor und der (weiblichen) Literaturbeilage, sondern auch, was die Geschichte zwischen dem Herrn Kowalski und Anni angeht.
200 Seiten verschlungen, wie gesagt, und jetzt - beim Durchblättern - finde ich keine einzige Passage, die ich zitieren möchte. Hat das zu tun mit dem Geheimnis? Dass die einzelnen Gesprächsteile, die dieses Buch ausmachen, so beiläufig bleiben und gleichzeitig so aneinandergekittet sind, dass man nichts herauslösen kann, ohne dem Ganzen Gewalt anzutun. Ist das das Geheimnis, dass mich vor lauter Befangenheit ein beinahe zwanghafter Impuls treibt, den Titel zu verändern und zu schreiben: Das Wetter von vor 15 Jahren - mein ganzer Beitrag zur Wirklichkeit und Differänz wie Klaus Nüchtern seine Laudatio in Braunschweig titelt, sagt das nicht alles über den Meister aus Maria Alm? Meine Empfehlung!
coyote05 - 28. Mrz, 16:30
Ein Wunder eigentlich, dass so viele von uns am Abend zurück nachhause finden, nicht wahr? ... Ein Wunder eigentlich, wie wenige es sind, die Tag für Tag verloren gehen, nicht wahr?
Was Peter Handke hier in seiner Vorwintergeschichte macht, nennt Willi Winkler in der Süddeutschen die Beschwörung "gottverlassener, trostloser Gegenwartswelten" . Schön gesagt. Was mich verwirrt, ist der Schatten Thomas Bernhards, der Handke über die Schultern schaut, nicht wahr? Wer kann sich erinnern .... an diese provozierend, ironische und zugleich liebenswürdig, verzweifelte Infrage-Stellung des gerade erst Behaupteten, die wunderbaren Interviews, die Krista Fleischmann 1981 in Wien, Madrid und Mallorca für den ORF führte? Es war eine große Nähe spürbar zu dieser Frau, oder war es gar Verliebtheit, ein Versprechen, ihn herauszuführen aus seiner einsamen Schriftexistenz?
Peter Handke: Kali. Eine Vorwintergeschichte, Suhrkamp 2007
Thomas Bernhard - Eine Begegnung. Gespräche mit Krista Fleischmann. Suhrkamp 2005.
coyote05 - 26. Mrz, 17:13
Soll man sich schon im voraus beeilen? Auf Vorrat. Auf Verdacht? Für den Fall, dass vielleicht einer anruft? Anrufen könnte? Vielleicht? Auf jedem Heimweg jedesmal zehn Minuten eher dran? Und immer mehr Zeit dazugespart? Vor sich selbst her? Peter Kurzeck in: Oktober und wer wir selbst sind, Stroemfeld , Frankfurt 2007
Diese innere Ruhe wiederfinden. Die einen davor bewahrt, der Welt hinterher zu rennen. Wo doch klar sein sollte, dass die Welt immer schon da ist und niemals einholbar - dass sie kommt, wenn sie kommt. Dreh dich, dreh dich, dreh dich - (zumindest im Kleinen, im Unbedeuteten (nicht Unbedeutenden!), im Detail, das keine Deutung kennt) um mich.
coyote05 - 23. Feb, 19:08
Eigentlich sind mir Buchkritiken verhasst, aber dies hier muss sein. Und gleich vorneweg: Von den Elementarteilchen war ich begeistert. Danach hatte ich mich Houellebecq nur mehr über die Sekundärliteratur des Feuilletons genähert und wusste also, dass er seinen politisch nicht korrekten Weg weitergegangen war - mehr nicht. Es war also Zeit, ihm eine zweite Chance zu geben. Wer bin ich, der diesem Autor eine Chance gibt? Im Buchsupermarkt Thalia bestätigte diesen Zugang auch gleich eine Verkäuferin - das Buch sei gegen den Islam und gegen die Juden und überhaupt vollkommen unhaltbar. Ok, muss sein, dachte ich - und bekam auf das stark abgegriffene Schmökerbuch einen Rabatt von 25%. Ich hatte also schon so eine Vorahnung, dass es an die Wände fliegen könnte, und begann zu lesen.
Die ersten hundert Seiten gings, dann wurde es immer widerlicher, immer schwieriger - auch weil sich die Lektüre neben den inhaltlichen Wiederholungen und Banalitäten auch formal als einziges Desaster erwies. Nach dem ersten Gedicht, das Daniel an die Liebe schreibt, sollte man eigentlich das Buch zuschlagen. Alles andere ist ein öder Aufguss bereits bekannter Themen. Ein Dank an
Gregor Dotzauer, vom Berliner Tagesspiegel, der meinen Unmut schon am 25.8.2005 in Worte fasste und Houellebecq den Tipp gab
"Leitartikel zu schreiben, Manifeste an Türen zu nageln, oder, wenn es sein muss, eine Partei zu gründen. Aber er braucht nicht Romane zu schreiben, mit Figuren, die nur Hüllen von Meinungen sind. Er soll lieber gleich Essays verfassen, wie Houellebecq selbst es glänzend versteht. Deshalb kann man noch hundertmal sein widerspenstiges, sich Stilanstrengungen bewusst verschließendes Schreiben rühmen: Was das Literarische an seinen Büchern ausmacht, bleibt offen. Und was dessen Anschein erweckt, ist eine öde, unrhythmische, aus den Schlacken des 19. Jahrhunderts bestehende Beschreibungsprosa."
Interessant dazu auch
Thomas Steinfeld in der Süddeutschen am 24.8.2005:
"Die große Schwäche dieses Romans: er ist ein Lamento, ein einziges großes Dokument der Wehleidigkeit (...). Diesem Lamento ist der wüste Zorn gewichen, der Michel Houellebecqs frühe Romane auszeichnete, der Wille zum Skandal, der wütende Aufstand gegen die Normalität, das Korrekte und den radikalen Individualismus, der in der sexuellen Freizügigkeit den letzten Rest individueller Würde der freien Marktwirtschaft überantwortete. ... Rückblickend betrachtet, ist diese verzweifelte Wut Stück für Stück, Buch für Buch aus dem Werk von Michel Houellebecq verschwunden (...). Das Aufbegehren gegen eine gigantische, so politische wie soziale Zumutung ist fort, und damit die Dringlichkeit, das Fahrige, Disparate und doch unglaublich Insistierende, das (...) Ausdruck einer Gemeinsamkeit war zwischen dem, was er als Schicksal empfand, und dem, was diese Gesellschaft als ihr Los erkannte."
Wenn Houellebecq als Zeitkritiker ernst genommen werden will, braucht er ein paar radikale (und neue) Gedanken mehr und einige schlechte Witze weniger. Und noch etwas: Wer irgendetwas über den "Schmerz des Alterns" lesen will, dem empfehle ich die Lektüre von
Philip Roth: Everyman - das ist Literatur!
coyote05 - 26. Nov, 12:17
Zwei Lektüren bei Thalia erstanden. Halte sie in der an den Händen und wäge ab. In der einen den ATLAS DER GLOBALISIERUNG mit dem spannenden Untertitel "Die neuen Daten und Fakten zur Lage der Welt" und in der anderen der neue, alte Houellebecq und die MÖGLICHKEIT EINER INSEL. Auf der einen Seite also das korrekte politische Bewusstsein und auf der anderen Seite die personifizierte "political uncorrectnes," als die er im Feuilleton gegeiselt wird. 25% Rabatt habe ich mir ausverhandelt, weil der Umschlag so abgegriffen war. Den hat jeder in der Hand und niemand liest ihn, denke ich und gebe ihm - nach den ELEMENTARTEILCHEN, die mich von hinten bis zum Erbrechen würgten: ein wunderbares Buch, das man niemanden empfehlen kann - eine zweite Chance.
Noch immer halte ich die beiden Bücher in den Händen. Besser gesagt: das eine Buch und das andere 200 Seiten A4-Magazin, das sich Atlas nennt. Aber Atlanten sind doch im Normalfall nicht biegsam, oder? Die einen, dozierenden warnen jedenfalls gleich zu Beginn: "Wer in diesem Atlas liest, läuft Gefahr, von lähmender Verzweiflung erfasst zu werden", der andere, gefährliche, umarmt: "Willkommen im ewigen Leben, meine Freunde ... Ich stehe nach dem dem Ende der Welt in einer Telefonzelle. Ich kann so viele Telefongespräche führen, wie ich will, mir sind keine Grenzen gesetzt."
Als Vorgangsweise empfiehlt sich also die folgende: Man blättert den Atlanten bis ans Ende der Welt und öffnet dann das Buch von Houellebecq. So könnte es funktionieren. Ich denke an Baudrillard, den ich vor Jahren überlas und zitiere ihn heute absichtlich falsch: "Dass es so weitergeht und dass wir im ewigen Leben telefonieren müssen, ist die Katastrophe".
coyote05 - 21. Nov, 17:22
.........
Da riß der Mönch sein Kleid sich ab wie Rinde
und knieend hielt er es dem Alten hin.
Und sieh: er kam. Kam wie zu einem Kinde
und sagte sanft: Weißt du auch wer ich bin?
Das wußte er. Und legte sich gelinde
dem Greis wie eine Geige unters Kinn.
Jetzt reifen schon die roten Berberitzen,
alternde Astern atmen schwach im Beet.
Wer jetzt nicht reich ist, da der Sommer geht,
wird immer warten und sich nie besitzen.
Wer jetzt nicht seine Augen schließen kann,
gewiß, daß eine Fülle von Gesichten
in ihm nur wartet bis die Nacht begann,
um sich in seinem Dunkel aufzurichten: –
der ist vergangen wie ein alter Mann.
Dem kommt nichts mehr, dem stößt kein Tag mehr zu,
und alles lügt ihn an, was ihm geschieht;
auch du, mein Gott. Und wie ein Stein bist du,
welcher ihn täglich in die Tiefe zieht.
Du mußt nicht bangen, Gott. Sie sagen: mein
zu allen Dingen, die geduldig sind.
Sie sind wie Wind, der an die Zweige streift
und sagt: mein Baum.
Sie merken kaum,
wie alles glüht, was ihre Hand ergreift, –
so daß sie's auch an seinem letzten Saum
nicht halten könnten ohne zu verbrennen.
Sie sagen mein, wie manchmal einer gern
den Fürsten Freund nennt im Gespräch mit Bauern,
wenn dieser Fürst sehr groß ist und – sehr fern.
Sie sagen mein von ihren fremden Mauern
und kennen gar nicht ihres Hauses Herrn.
Sie sagen mein und nennen das Besitz,
wenn jedes Ding sich schließt, dem sie sich nahn,
so wie ein abgeschmackter Charlatan
vielleicht die Sonne sein nennt und den Blitz.
So sagen sie: mein Leben, meine Frau,
mein Hund, mein Kind, und wissen doch genau,
daß alles: Leben, Frau und Hund und Kind
fremde Gebilde sind, daran sie blind
mit ihren ausgestreckten Händen stoßen.
Gewißheit freilich ist das nur den Großen,
die sich nach Augen sehnen. Denn die Andern
wollens nicht hören, daß ihr armes Wandern
mit keinem Dinge rings zusammenhängt,
daß sie, von ihrer Habe fortgedrängt,
nicht anerkannt von ihrem Eigentume
das Weib so wenig haben wie die Blume,
die eines fremden Lebens ist für alle.
Falle nicht, Gott, aus deinem Gleichgewicht.
Auch der dich liebt und der dein Angesicht
erkennt im Dunkel, wenn er wie ein Licht
in deinem Atem schwankt, – besitzt dich nicht.
Und wenn dich einer in der Nacht erfaßt,
so daß du kommen mußt in sein Gebet:
Du bist der Gast,
der wieder weiter geht.
Wer kann dich halten, Gott? Denn du bist dein,
von keines Eigentümers Hand gestört,
so wie der noch nicht ausgereifte Wein,
der immer süßer wird, sich selbst gehört.
In tiefen Nächten grab ich dich, du Schatz.
Denn alle Überflüsse, die ich sah,
sind Armut und armsäliger Ersatz
für deine Schönheit, die noch nie geschah.
Aber der Weg zu dir ist furchtbar weit
und, weil ihn lange keiner ging, verweht.
O du bist einsam. Du bist Einsamkeit,
du Herz, das zu entfernten Talen geht.
Und meine Hände, welche blutig sind
vom Graben, heb ich offen in den Wind,
so daß sie sich verzweigen wie ein Baum.
Ich sauge dich mit ihnen aus dem Raum
als hättest du dich einmal dort zerschellt
in einer ungeduldigen Gebärde,
und fielest jetzt, eine zerstäubte Welt,
aus fernen Sternen wieder auf die Erde
sanft wie ein Frühlingsregen fällt.
aus Rainer Maria Rilke: Das Stundenbuch.
(vgl. Rilke-SW Bd. 1, S. 337-340)]
coyote05 - 17. Feb, 23:17
Am Sonntagvormittag wurde Gert Jonke in Berlin der Kleist-Preis verliehen: Hier eine seiner fünf Blitzlichtabbildungen seiner Dankesrede, mit denen er Herrn Kleist persönlich einen schönen Gruß schickte:
1 - DRAMA
Ein Schauspieler hatte während der Proben für ein neues Stück plötzlich größte Schwierigkeiten folgender Natur: Er fühlte sich an mehreren Stellen des Textes wie von einem höheren Zwang bedroht, sein Spiel schlagartig erschrocken abzubrechen. Befragt, worin denn dieser Zwang ungefähr bestünde, antwortete er, er habe plötzlich ganz deutlich die Gewissheit, während er oben auf der Bühne spiele, sitze er auch gleichzeitig plötzlich im Zuschauerraum an einem bestimmten (immer dem gleichen) Sitzplatz unten und schaue sich von unten hinauf sehr missbilligend sich von unten im Zuschauerraum sitzend von jenem Platz aus immer wieder zu und zeige sich herauf eine lange Nase oder mache andere sich von unten hinauf ihn verhöhnende Faxen, und das tue ihm sehr weh, verursache ihm oben auf der Bühne durchaus auch eher immer unerträglichere Schmerzen, es wäre immer mehr zum Weinen und zum Heulen, er sei wütend, wolle sich hineinschmeißen. Dort, wo er in der Bestuhlung unten zu sitzen behauptete, während er oben spielte, saß aber keiner. Das untersuchte man ganz genau und mit allem Verständnis.
Mit Müh und Not kam er dann aber doch noch in die Endproben. Bei der Premiere ging alles gut. Man glaubte, die Sache sei nun ausgestanden, irgendwie bewältigt wohl und somit bald wieder auch zu vergessen. Man achtete aber darauf, dass jener Platz, wo der Schauspieler immer sich selbst gleichzeitig unten sitzend sich oben zuzuschauen während er spielte, dass jener Platz auch in den weiteren Vorstellungen sicherheitshalber von irgendwem besetzt wurde, und wenn von keinem zahlenden Besucher, dann wenigstens vom Feuerwehrmann oder vom Dienst habenden Theaterarzt, weil man weiterhin nicht fahrlässig zu werden sich vorgenommen hatte, und weil man gerade in Theaterkreisen solchen Sachen gegenüber einen geradezu abergläubischen Respekt zu zollen für wichtig hielt.
Aber eines Tages, als man schon gar nicht mehr daran dachte, ergriff am Abend der besagte Schauspieler in dieser Vorstellung plötzlich ohne Vorwarnung einen in seiner Reichweite als Requisit hingestellten Blumenstock, um ihn dann blitzschnell, aber sehr wohl exakt, präzise gezielt ins Publikum zu schleudern, natürlich genau in Richtung jenes Sitzplatzes. Dem dort sitzenden Zuschauer musste im Krankenhaus, wohin er sofort nach Unterbrechung der Vorstellung mit der Rettung eingeliefert wurde, ein Auge notoperativ entfernt werden. Es handelte sich um den jahrelang schon verschollenen vermissten und eigentlich auch schon vergessenen und aufgegebenen Zwillingsbruder des Schauspielers, nach dem der Schauspieler aber nach wie vor suchen ließ (um teures Geld von Detekteien, und der seinem Bruder nach wie vor wie aus dem Gesicht geschnitten ähnelte.)
Dem Schauspieler wurde natürlich sofort wegen publikumsgefährdenden Verhaltens fristlos gekündigt.
Die beiden Brüder schlugen sich fortan gemeinsam durchs Leben. Einmal traten sie in einem Varieté als lebendes Rätsel auf. Und zur Auflösung des Rätsels musste jener der beiden, der sich nicht die Schauspielkarriere selbst ruiniert hatte, sagen: "Von den eineiigen Zwillingen bin ich der Einäugige!" Um dann wie zum Beweis sich ins Gesicht greifend jenes seiner Augen, welches aus Glas war, aus dem Gesicht zu pflücken, und deutlich ersichtlich dem Publikum eine Zeit lang zeigend in die Luft zu halten.
coyote05 - 22. Nov, 12:14
.... ist etwas wie Wonne und Entzücken, das gewaltig fassend, fast vernichtend in mein Wesen drang und dem nichts mehr in meinem künftigen Leben glich. Die Merkmale, die festgehalten wurden, sind: Es war Glanz, es war Gefühl, es war unten. Dies muss sehr früh gewesen sein, denn mir ist, als liege eine hohe, weite Finsternis des Nichts um das Ding herum.
Dann war etwas anderes ...
Immer mehr fühlte ich die Augen, die mich anschauten, die Stimme, die zu mir sprach, und die Arme, die alles milderten. Ich erinnerte mich, dass ich das "Mam" nannte.
Diese Arme fühlte ich mich einmal tragen. Es waren dunkle Flecken in mir. Die Erinnerung sagte mir später, dass es Wälder gewesen sind, die außerhlab mir waren. Dann war eine Empfindung, wie die erste meinen Lebens, Glanz und Gewühl, dann war nichts mehr ....
Noch ein anderes Ding der Stube war mir äußerst anmutig und lieblich und fast leuchtend in meiner Erinnerung. Es war das erste Fenster an der Eingangstür. Die Fenster der Stube hatten sehr breite Fensterbretter, und auf dem Brette dieses Fensters saß ich sehr oft und fühlte den Sonnenschein, und daher mag das Leuchtende der Erinnerung rühren ....
In meiner Erinnerung ist lauter Sommer, den ich durch das Fenster sah, von einem Winter ist von damals gar nichts in meiner Einbildungskraft.
Adalbert Stifter schrieb "Mein Leben" Anfang September 1866, als er seine Elternhaus im böhmischen Oberplan und das Grab seiner Mutter besuchte. 17 Monate später, in der Nacht vom 25. auf den 26. Jänner 1868 schneidet er sich mit dem Rasiermesser den Hals auf. 95 Jahre vergehen. Dann komme ich. Wir schreiben das Jahr 1963. Dieser Tage feiert man seinen 200. Geburtstag.
coyote05 - 22. Okt, 17:06
Plötzlich das Buch in meiner Hand, mit dem ich vor einem Jahr die Rabbit-Quatrologie des großartigen John Updike an der falschen, aber für mich einzig stimmigen Stelle begann: mit Teil 3 - Rabbit in Ruhe, Rabbit at rest. Die Wochen, die folgten, gehörten zu den aufregenden dieses Jahres - immer ein Buch von Updike irgendwo eingeklemmt, immer einen Satz im Nachklingen.
Der erste, der mich traf: Und er hat nie vergessen, wie er im Juni vordreißig Jahren seine kleine Tochter Rebecca June ertrank; als er noch einmal allein in die Wohnung zurückging, stand in der Badewanne immer noch das laue graue Wasser, das sie getötet hatte. Gott hatte nicht den Stöpsel heruasgezogen. Es wäre so einfach für Ihn gewesen, für Ihn, der die Sterne an ihren Platz gesetzt hat. Es ungeschehen zu machen. Oder dasaus dem Universum zu tilgen, das die Pan-Am-Boeing 747 über Schottland in Stücke riss. All diese Körper mit pumpenden Herzen, die in der Finsternis hinunterstürzen. Wieviel wussten sie, während sie fielen, durch die Luft, die dicht wie laues Wasser war, laugrau wie dieser Terminal, durch den die Menschen wehen wie Staub durch den Luftkanal, für die Fluggesellschaft sind wir doch nichts weiter als Zahlen im Computer, eine mehr oder weniger, wen kümmert´s? Ein Flackern auf dem Schirm, dann ist es weg. Die Körper stürzen nieder wie nasse Melonenkerne.
Er, der die großen Dinge mit den kleinen Alltäglichkeiten so spielend zusammenbringt, dass es einem den Atem nimmt. Oder ganz anders das Leben selbst an solchen Stellen seinen Atem hinterlässt an der Glastrennscheibe der Wirklichkeiten.
coyote05 - 4. Okt, 17:08