Freitag, 3. September 2010

Kindheitssommer

Die Sommer von damals waren eine einzige Bewegtheit. Bewusstlos und trunken trieben wir durch den Tag. Sie verflogen, die Sommer, wie eine Zeit ohne Ziffernblatt und Zeiger.

Urlaub gab es keinen. Er wurde auf dem Altar des Wirtschaftswunders geopfert, an dem nur teilhaben konnte, wer seinen braven Traum vom Eigenheim als calvinistisches Statement in eine widmungswillige Landschaft stellte. Dafür gab es Urlaubssperre und für uns Kinder des Babybooms den Sommer in seiner ursprünglichen Formlosigkeit und ohne Unterbrechung.

Sommer fand draußen statt, war Erde und Wasser und Wald. Ich habe mich beim Sommer nie bedankt, weil er entweder da war und das uneingeschränkt oder eben nicht. Ein bisschen Sommer gab es genauso wenig, wie ein bisschen Schlechtwetter. In meiner Erinnerung gibt es keinen Regen im Sommer, sondern nur erzwungene Regenpausen, in denen wir vorzüglich in Nachbars Veranda Plastikfiguren mit Rexgummis aus ihren Stellungen hinter Pflanzen, Ziertellern und Standfotos schossen oder in Kampfpausen hunderte Matschbox-Autos eine Rampe hinunterließen und danach in ausgeklügelten Statistiken die Sieger ermittelten.

Dass das nicht der Sommer war, wusste jeder von uns. Denn der schmeckte wie die Tage am See nach Sonnencreme und Anarchie. Und nach dem „Opel“, der uns in immer neuen Modellen durch diese Jahre begleitete und Kontinuität atmete, wie mein Vater durch die Filterzigaretten der Marke „Smart Export“, die er nur dann im Auto anzündete, wenn alles gut und das Einchecken in das Wochenende reibungslos abgelaufen war. Auf den Rauch in meiner Nase konnte ich mich verlassen, denn daheim war mein Vater ein Genussraucher. Und weil er in solchen Momenten auf seine Vater-Vorleberolle pfiff, liebte ich sie und genoss es, wie dadurch unter Hand aus unserer Familie eine kleine revolutionäre Zelle wurde.

Die Tage am See waren ein einziger Ausnahmezustand, weil sie den Genuss ebenso wie die Langeweile, die sonst so verpönt war in unseren Kreisen, salonfähig machten. Für uns war diese Langeweile nur ein anderes Wort für Abenteuer. Denn wir hatten buchstäblich alles, was wir zum Atmen brauchten: wir hatten den Wald im Rücken, den Kieselstrand und den grünlich schimmernden See vor uns, der nur dann etwas Warmes hatte, wenn wir uns direkt vom eiskalten Zimitzbach und den dort steil abfallenden Uferbereich hinaus ins grundlose Schwarz trieben ließen.

Das war der behütete, bürgerliche Sommer am See. Er kam und ging wie eine Jahreszeit. Standesgemäß im Juli mit einem Zeugnis in der Hand. Und er wuchs, indem er seine Tage fraß. Ein Glück mit fixem Ablaufdatum und einem melancholischen Beigeschmack, so erscheint er mir heute. Daneben gab es jedoch auch einen inoffiziellen, proletarischen Sommer am Fluss und später am Moorteich, von dem unsere Eltern nichts wussten.

Von wo ich jetzt auf den Sommer meiner Kindheit schaue, wirkt alles beinahe hermetisch abgeriegelt gegenüber jedem Blick von außen. Denn es gab alles damals außer Distanz. Der Sommer war unbedingt nahe und da, als prickelndes Wassers auf der Haut, als Geruch nach verbranntem Gras, das auf den Feldern lag, oder als feuchte Wärme, die sich als Gewitterregen auf den heißen Asphalt legte. Als Erinnerung nehme ich noch heute den Sommer vor allem durch die Nase wahr. Unvermittelt und plötzlich stand er vor unserer Tür und wir wussten instinktiv, was zu tun war.

Er kam mit aller Gewalt und ohne Vorwarnung wie die ersten Mädchen und das andere Geschlecht. Es war am Moorteich, als wir die Schlitze im morschen Holz der Umkleidekabinen entdeckten und durch diese Öffnungen eine neue, geheimnisvolle Welt der Nahaufnahme. Offenbarungen im Halbdunkel – Schamhaare und -frisuren, frische und welke Lippen, Brüste und Bäuche und Backen in allen Formen, Größen und Verpackungen, Achselhöhlen, Muttermale, Sommersprossen und vor allem Haut – schlaff, gespannt, ledern, faltig, schwammig, muskulös, glatt und geschmeidig und immer wieder: Gerüche, Gerüche, Gerüche. Draußen am Holzsteg die Parade der Eitelkeiten, drinnen im Halbdunkel intime Routine und nackte Wahrheit für die Dauer eines angehaltenen Atems.

Damals machten wir den Ausnahmezustand zur Routine. Der Sommer war los und das Verbotene lockte und schillerte in nie zuvor gesehenen Farben. Die Tage waren endlos. Doch der Sommer endete immer abrupt. Nicht mit der Schule, sondern mit Regen und einem Kälteeinbruch, der das Land unwiderruflich in den Herbst tauchte, aus dem es kein Zurück mehr gab. Wenn ich über den Sommer schreibe, kommt immer der Herbst dazwischen, genau so wie damals in der Wirklichkeit. Es kam immer dieser Morgens, an dem die Luft klarer war als sonst und das Geräusch der Kreissägen, die das Holz für den Winter richten, das Land durchschnitt. Und auch, wenn es danach noch einmal warm wurde, von da an blieb die Kühle und nistete in jedem Sonnenstrahl. Vorbei die Unbedingtheit und die Verschwendung des Sommers, nun gab es nichts mehr umsonst. Und alles gehorchte wieder einem fremden Zweck.

Im Funktionieren war ich immer gut, nur im Sommer war ich besser. Im Sommer war ich Teil von allem. Der Sommer war ein Teil von mir. Was davon blieb, ist schwer zu sagen. Die Farben sind verblasst in all den Jahren. Die Sehnsucht blieb bis heute, weil auch die Liebe ging und wieder kam. Sie frag ich in stillen Momenten: Wie viele Sommer habe ich noch?

Mittwoch, 1. September 2010

Der Schneeberg setzt eine Haube auf

... und der Sommer ist vorbei. Bumsti!

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Dienstag, 17. August 2010

Das große Glockner Vis-a-Vis

Dort oben besteht nicht die Gefahr, dass man Drinnen und Draußen verwechselt.

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Skeptischer Blick aus unserer Suite auf der Oberwalderhütte - mit der Nase in der Pallavicinirinne, rechts davon die Berglerrinne und die Mayerlrampe. Alles unbegehbar im August 2010. Immehrin begann der nächste Tag schon um 5:15 ziemlich spektakulär.

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Mittwoch, 4. August 2010

Nur für alte Krieger

Die spanischen Wunderbrüder Iker und Eneko Pou versuchen sich in einer Route des Magiers Manolo Zanola. Und auch ich blättere aus aktuellem Anlass in meinem Notizbuch zur Route "Brot und Spiele" im Gosaukamm, die ich mit meinem Freund Peter vor Jahren in den Fels träumte.

Dort lese ich: "Eine Route, das ist etwas Ausgedachtes, das nicht ganz erfunden ist, und etwas Wahrgenommenes, das nicht bloß entdeckt wurde. Zu dauerhaft ist der Stein und zu intensiv in ihrer Vergänglichkeit ist die Linie, die der Körper beschreibt, um das eine oder andere ganz zu sein." Chapeau! Mehr davon gibts immer noch hier, im Netz verfangen.

Solo per vecchi guerrieri from Damiano Levati on Vimeo.

Und hier noch das Gespräch, das die beiden mit Manolo, der mittlerweile wohl auch alle Gendergrenzen überwunden hat, führten ...

Solo per vecchi guerrieri from Damiano Levati on Vimeo.

Dienstag, 20. Juli 2010

Almblitz rennt ...

"Was bringts? Ist doch total verrückt, so ein Bergmarathon rund um den Traunsee?" Ist die in diesem Fall monoton gestellte Frage von Freunden.

Es bringt ein Gefühl dafür, wie groß ein einzelner Tag sein kann, den man zusammen durchlebt. Es bringt Freunde am Weg, Gesichter, die man schwer vergisst, Emotionen in alle Richtungen und nach Stunden mit jedem weiteren Schritt eine gewisse Ungläubigkeit, dass man immer noch stolpert und läuft - spätestens am Gmundner Berg nach ca. 65 Kilometern, wenn man zurückblickt auf diese Runde -, dass man das auch selber war, der all diese Berge, die sich rund um den Traunsee die Hand geben, irgendwie und mitunter auf allen Vieren "genommen" hat.

Am Ende ist man am Ziel wirklich am Ende und hat vor allen anderen sich selbst überrascht. Und für dieses Gefühl, sich ausgetrickst zu haben, ist Stolz eine eher belanglose Umschreibung.

bergmarathon-almblitz

Was es bringt? Ein wogendes Gefühl der Freiheit, hier und jetzt das zu tun, was man tut. Laufen. Jeder Schritt ist Teil dieser Freiheit. Oder um mit Haruki Murakami zu sprechen: "Der Schmerz ist unvermeidlich. Das Leiden ist eine Option."

Mittwoch, 7. Juli 2010

Ein Felsbrocken gibt zu bedenken

Ich erinnere mich noch gut an das Kunstprojekt von Ai Weiwei bei der Dokumenta 2007. In einem Blogpost dazu schrieb ich: „Für mich einzigartig waren die 1001 von Ai Weiwei im Rahmen seines Fairytale-Projekts eingeladenen Chinesen, die in Kassel durch 1001 an allen Ausstellungsorten verstreute Stühle omni-präsent waren.“

Das Thema des Künstlers Ai Weiwei ist das der Re-Präsentation – damals genauso wie heute. Stühle verweisen auf Menschen, die nicht da und doch da sind, ein Felsbrocken auf eine Katastrophe, die nicht hier und nicht heute passiert, sondern 2008 auf der anderen Seite der Welt in der chinesischen Provinz Sichuan 9.000 Kinder hinweggerafft und unter sich begraben hat.

Wenn wir hierzulande ausdrücken wollen, dass eine Sache uns besonders gar nicht tangiert, wird gerne der Sack Reis bemüht, der in China umfällt. Wurscht. Soll er. Aber jetzt schleppt dieser Ai WeiWei doch glatt einen Felsbrocken an. 4 Tonnen schwer. Und will ihn auf den Dachstein heben, den wir kurzerhand zum unantastbaren Heiligtum erheben, obwohl wir ihn seit Jahrzehnten mit Drahtseilen verhängen, mit Eisenleitern zurechtbiegen, mit Aussichtsplattformen entstellen und mit Sommerliften zurichten, wie es uns gefällt.

dachstein-aiweiwei
Quelle: www.bergsteigen.at

Die Regionale bezeichnet sich als „Festival für Zeitgenössische Kunst“. Und als solches ist es ihr erlaubt und sogar aufgetragen, das hier behauptete Verschandlungsmonopol des Alpenvereins und diverser Tourismusverbände in Frage zu stellen. In meinem Blogbeitrag von vor 2 Jahren lese ich das Abschlussstatement meines Kampfgefährten Rainald Goetz zur Dokumenta: „Je komplizierter die dabei ablaufenden Prozesse Widersprüche, Widerstände und Marginalitäten nicht ausschließen, sondern in die Sache hereinholen, umso besser wird das Resultat.“

Natürlich hätte er auf dem Dachsteingipfel auch einen Sack Reis hinterlassen und damit einer leicht verdaulichen Kunst Vorschub leisten können. Aber er hat es nicht. Er will einen Stein. Einen richtigen Brocken. Da haben wir uns was eingebrockt. Mit ihm und mit dieser Regionale X. Ai Weiwei macht auf stur. Aber er beantwortet zumindest unsere 100 Fragen.

Also rauf mit dem Stein. Und nachdenken. Und reden. Und streiten.

Freitag, 25. Juni 2010

Warum vertreibt Frau Ennsthaler JAN van HELSING und den ARUN Verlag??

So: und nun stelle ich mir selbst ein Bein: Peinlich! Alle aufgepasst.

Habe nicht überprüft, was es mit dem erwähnten JAN VAN HELSING und mit dem ARUN-Verlag auf sich hat … hier nun zwei Links dazu, die alles zumindest in ein sehr zweifelhaftes Licht tauchen.

Meine Frage:
Steht hinter dem THALIA-VORGEHEN vielleicht ein inhaltliches Ressentiment?? Dann wären sie die Guten … Wenn dem so ist, könnte der offene Brief von Frau Ennsthaler einfach nur über die wahren Tatsachen hinwegtäuschen …

Andererseits: Wenn man sich Programm von www.books4you.at anschaut, findet man Autoren wie Jean Ziegler, Günter Wallraff, Anselm Grün, Peter Scholl-Latour, etc ...

Trotzdem: der fahle Beigeschmack bleibt. Und ich habe mich entschlossen, mir in aller Öffentlichkeit selbst das Bein zu stellen. Peinlich, ich weiß. Aber was bleibt mir anderes übrig? Zu warten und darauf hoffen, dass niemand merkt, dass ich bis zu den Hüften in der Sch...e stehte? Transparenz ist die einzige Waffe, die ich habe ...

Unterm Strich liefere ich damit ein herrliches Beispiel für die Fragwürdigkeit einer „Kultur des Weiterleitens“. Schönes Exempel. Ich.

Sorry an alle: mache sich bitte jeder für sich ein Bild aus diesen Fakten …

Bitte demütig und klein um Nachsicht!
Wolfgang Tonninger

Offener Brief: Die Geschäftspraktiken von THALIA

Dies ist ein offener Brief von Regina Ennsthaler - Inhaberin einer kleinen Buchhadlung und eines Verlags in Steyr/Oberösterreich. Ich muss gestehen, ich kannte bislang weder Buchhandlung noch Verlag. Doch dieser Brief schreit nach einer Verbreitung - vielleicht können wir als Social Media Proponenten unseren Teil dazu beitragen, dass dieses Unrecht so nicht praktikabel ist. Helft. Werdet Aktiv. Danke!

UND HIER DER BRIEF von FRAU ENNSTHALER:


Liebe Freunde

Täglich bekomme ich und Ihr Emails mit der Bitte Stellung zu beziehen, es geht um Walfangquoten, Delfine zu schützen, BP aufzufordern die Kosten für ihr Chaos zu übernehmen usw. Natürlich beziehen wir Stellung, schicken Mails weiter unterschreiben und wünschen uns, das wir etwas bewirken und das tun wir auch.

Und manchmal passiert etwas, da trifft es uns persönlich, da kommt das Leben mit voller Wucht daher, da können wir uns nicht entziehen. Und dann bist du plötzlich wie vor den Kopf geschlagen, hilflos von Angst geschüttelt und fragst dich, was tun gegen eine scheinbare Übermacht, mit der Du plötzlich konfrontiert bist, die Dich bedroht und so viel größer ist, so viel mehr Geld hat als Du. Und dann musst Du Stellung beziehen, über die Angst gehen, es fordert Dich persönlich heraus, Deine Haltung wird überprüft, ob Du Dich persönlich beugst oder Haltung zeigst, Wiederstand leistest.

Nun zu unserer jetzigen Situation:

Wir sind seit 65 Jahren ein Familienbetrieb, haben 20 Angestellte, wir haben eine Buchhandlung, eine Auslieferung ( wir liefern deutsche Verlage, wie Arun, Jan van Helsing, Nietsch und viele andere Verlage in Österreich aus) und haben auch einen Verlag mit dem Motto" Bücher für ein bewusstes Leben" Wir sind ein ganz normaler mittelständischer Betrieb in Oberösterreich wie so viele andere auch. Mittlerweile arbeitet die dritte Generation unserer Familie in unserer Firma. Als Familie sind mein Mann und ich seid 38 Jahren ein glückliches Team, wir haben 6 Kinder, darunter ein liebenswerte besondere Tochter mit Downsyndrom, Schwiegerkinder, sechs Enkelkinder, also eine geballte Kraft an Leben und Lebendigkeit mit allem Chaos, das so eine große Familie mit sich bringt. Wir haben es im Griff und halten zusammen.

Leider hat Thalia jetzt sein begehrliches Auge auf uns geworfen. Sie hätten einfach mehr Umsatz, wenn es unsere Buchhandlung nicht gäbe, wenn sie unseren Standort hätten. Sie haben uns vor einem halben Jahr ein Kaufangebot gemacht, wir haben kurz überlegt und dann abgelehnt. Ein ganz normaler Vorgang, das war es, dachten wir. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir eine branchenübliche Geschäftsbeziehung mit Thalia, sie haben unsere Bücher aus Verlag und Auslieferung bestellt, wir hatten eine gute Geschäftsbeziehung. Bei Thalia gab es einen Geschäftsführerwechsel, einer der beiden Geschäftsführer verlies die Firma und es kam ein neuer Geschäftsführer aus Deutschland. In Deutschland ist Thalia marktführend und hat laut Wikepedia alle großen Verlage ziemlich im Griff. Nun weht ein anderer Wind, wäre doch gelacht, diesen kleinen Ennsthaler in Steyr nicht in den Griff zu bekommen. Der deutsche Geschäftsführer kam in unser Haus zu einem Vorstellungsbesuch, wie er sagt. Leider war dieser Besuch kein höflicher, wie wir dachten. Entweder wir verkaufen oder sie bestellen nichts mehr bei uns. Mein Mann hat ihn höflich aber bestimmt hinausgeworfen. Naiv wie wir waren hat mein Mann noch den österreichischen Geschäftsführer informiert über das Verhalten seines Kollegen. Der hat uns erklärt, dies sei die übliche Vorgehensweise von Thalia und es zählen nur Fakten, Emotionen hätten da keine Platz.

Das Verhalten von Thalia ist erstmalig im österreichischem Buchhandel, es weht also ein neuer Wind. Verkaufst Du nicht, zerstören wir Dich. Ich will haben, ist das Motto. Wir sind jetzt als Verlag und Auslieferung in den Computern von Thalia gesperrt. Als Kunde könnt Ihr keine Bücher mehr von uns bei Thalia kaufen. Offizielle Begründung, Ennsthaler hat die Geschäftsbeziehung mit Thalia eingestellt., so wurde es auch angeblich den Angestellten von Thalia mitgeteilt. Wir haben eine Gegendarstellung gemacht, haben klargelegt, wir verkaufen unsere Buchhandlung nicht, das ist eingestellt, dies hat nichts mit unserer Auslieferung oder dem Verlag zu tun. Die Antwort ist, solange dieser "strittige" Punkt nicht geklärt ist, wird nicht bestellt. Wir sind kein strittiger Punkt in der Welt von Thalia, wir sind eine Familie, die ihre Buchhandlung einfach behalten will. Punkt.

Sie haben jetzt die Vorgehensweise verschärft, indem sie Keile zwischen uns und unseren Autoren treiben. Sie erklären unseren Autoren, wen sie ihre Werke direkt an sie liefern, dann verkaufen sie die Bücher. Sie rufen die Verlage an und versuchen direkt zu bestellen, mit der Begründung, sie nehmen keine Bücher mehr von Ennsthaler an. Sie haben den Bücherpaketdienst angerufen und angewiesen, keine Bücher mehr zuzustellen, die von uns kommen. Sie zwingen also die Verlage, vertragsbrüchig zu werden und direkt zu liefern oder die Auslieferung zu wechseln. So sitzen wir ganz schön in der Zwickmühle.

Nun ich bin eine Frau, bin Ehefrau, Mutter, Großmutter, Schamanin, liege in den letzten Monaten meiner Ausbildung zum systemischen Lebensberater, hab meine Kinder zu aufrichtigen Menschen erzogen und habe den Glauben an das Gute in der Welt noch nicht verloren. Es ist mir wichtig, welche Welt ich meinen Kindern und Enkelkindern überlasse. Die Spiele der großen Herren dieser Welt habe ich nie verstanden. Ich will in dieser Welt einen kleinen positiven Fußabdruck hinterlassen, nach meinen Möglichkeiten.

Ich habe mich am Wochenende gefragt, was ist meine Rolle in diesem Spiel des Lebens. Diejenigen von Euch, die mich besser kennen, wissen, ich neige nicht dazu, laut in die Öffentlichkeit zu gehen, für meine Belange schon gar nicht. ich löse meine Geschichten lieber alleine und im stillen Kämmerlein. Es fällt mir schwer zu sagen, jetzt brauche ich Hilfe, jetzt reicht es.

Jetzt ist offensichtlich die Zeit, wo mich das Leben auffordert, hinauszutreten aus der stillen Kammer, weil es jetzt nicht mehr alleine geht. Ich habe Emotionen, auch wen das von Thalia nicht erwünscht ist. Wir haben uns aus ganzem Herzen bemüht, die Situation nicht eskalieren zu lassen, Wege offen zu lassen, damit sich die Lage beruhigen kann. Die letzten Monate habe ich mich immer gefragt, wem diene ich, der Angst oder der Liebe. Ich habe mich für die Liebe entschieden. Ich habe auch keine Angst, wir werden überleben als Menschen und als Seele.

Manchmal ist es aber an der Zeit Grenzen zu setzen, Grenzen die so stark sind, das sie spürbar sind für den, der sie verletzt. Die Wahrheit zu sagen, nicht mehr leise zu ertragen, weil die Methoden der Konzerne subtil und zerstörerisch für uns alle sind. Sie passieren in unserer Stadt, in unserem Umfeld und wir bekommen sie oft nicht mit, weil wir uns schämen, das es uns passiert, weil wir keine Hoffnung haben, das uns geholfen wird.

Mit manchem von Euch habe ich gesprochen, Ihr habt mir gesagt, gehe an die Öffentlichkeit. Nun dies ist der erste Schritt dazu. Als Frau sagen ich jetzt, ich stehe diesen Spielen von Zerstörung und Vernichtung eines menschlichen und wertschätzenden Umgangs miteinander, nicht mehr zur Verfügung. Es kann nicht sein, das das einzige Ziel die Gewinnmaximierung eines Konzerns ist.

Jetzt ist es an der Zeit für mich laut zu werden, ein positives Signal zu setzten, so geht es nicht, das muss anders werden.

Ich bitte Euch um Eure Unterstützung für uns und unsere Mitarbeiter( unsere Mitarbeiter und ihre Familien sind uns einfach wichtig, wir wissen auch, wen wir verkaufen, sind sie arbeitslos, Thalia übernimmt sie sicher nicht) Eure positiven Ideen, was immer jetzt auch helfen mag. Schickt das Email weiter, haltet meine HandSmiley Emoticon, gebt Eure Kundenkarte bei Thalia zurück, sprecht sie drauf an ( übrigens, die normalen Angestellten von Thalia, sind nicht glücklich über diese Vorgehensweise und können nichts dafür, wie ihre Chefetage vorgeht , wie wir aus einigen Telefonaten mit Filialen wissen ), bestellt Eure Bücher bei uns oder dem örtlichen Buchhändler ( der kann es auch brauchen, schmöckern könnt Ihr ja bei Amazon und dann unterstützt den kleinen Buchhändler, indem ihr bei ihm kauft. Der Preis ist ja der selbe, weil es ja einen gebunden Ladenpreis gibt).

Ich habe keine Ahnung, was momentan hilft, aber ich bin überzeugt, das es eine Lösung gibt, die gut für uns alle.

Ich wünsche Euch viel Bewusstsein, einen aufrechten Gang und danke Euch für Eure Geduld, das Ihr diese lange Email gelesen habt.

Alles Liebe
Regina Ennsthaler

Mittwoch, 23. Juni 2010

Christoph Wagner: Ein Intellektueller des guten Geschmacks

Ich habe ihn schon länger nicht getroffen, den Herrn Wagner. Und jetzt ist er tot. Und nicht mal diesen Satz kann ich schreiben, wie ich will. Stattdessen müsste ich das Plusquamperfekt bemühen, ich weiß, und mit "Ich hatte ..." beginnen. Aber dieses ist mir widerlich. Genauso wie der Umstand, dass er nicht mehr da ist und ohne ihn die Welt wieder ein Stück genussfeindlicher wird.

Ich erinnere mich genau an den Tag, als ich ihn das erste Mal besuchte. Es war im Herbst 2003. Mit 5 Flaschen Wein aus Argentinien, die ich gerade zusammen mit anderen 13.000 in einer Mischung aus Begeisterung, Gutgläubigkeit und Frechheit in einem Container aus Argentinien nach Österreich gebracht hatte. Der Wein kam von der Bodega Alfredo ROCA aus San Raffael/Mendoza und lag mir nicht nur am Herzen, sondern in dem Moment, in dem ich an seiner Tür läutete, irgendwie auch im Magen. Denn diese "Audienz" war für mich eine erste Möglichkeit, mein Urteil in Sachen Wein durch einen Kapazunder bestätigen oder vernichten zu lassen.

wagner

Ich weiß noch genau, wie ich meinen Topwein, den Malbec Reserva 2000, bereits zuhause öffnete und auf seine Qualität prüfte, um nicht im entscheidenden Moment von einer Korknase überrascht zu werden. Und wie ich dann drei Flaschen nacheinander "aufriss", nur weil der Wein mich oder den Gaumen des anderen, den ich in dieser Stresssituation vorwegzunehmen gewzungen war, so gar nicht überzeugen wollte.

Christoph Wagner, dem ich kurze Zeit später an einem mit Büchern überladenen Rundtischchen meine Probleme mit dem an diesem Tag so verschlossenen Malbec schilderte, als ich ihm den Wein in sein Verkostungsglas goss, lächelte nur milde und meinte in Anspielung auf meine Forschheit im Umgang mit dem Wein: "Wenn er sich nicht gleich zeigen will, dann lassen wir ihm halt ein bisserl Zeit."

Von dem Moment an, das kann ich sagen, waren wir Verbündete. Verbündete in einem Reich, das nur aus Büchern und Gaumenfreuden und Abenteuern zu bestehen schien. Doch nicht nur das: Christoph Wagner gab mir einen Maßstab mit auf den Weg, der sich in den Untiefen der österreichischen Soumellierlandschaft als besonders nützlich erwies, wenn es darum ging, die Weinliebhaber zu finden und die Wichtigtuer zu meiden, die nichts anderes im Sinn hatten, als den Wein für ihre Ego-Demonstrationen zu intrumentalisieren.

Christoph Wagner war mehr als ein Gourmet-Kritiker. Er war ein Weinliebhaber. Ein Cronopium im besten Sinn des Wortes von Julio Cortazar. Ein Geschichtenerzähler und ein Intellektueller des guten Geschmacks.

Dienstag, 22. Juni 2010

Die mitunter gar nicht so komplexen Netzwerke von Macht und Kapital ...

In der Nacht des 3. Juli 2009 verstarb der 1967 in Bad Aussee geborene Gerhard B. Friedl, eine der großen Hoffnungen des österreichischen Kinos - in Folge eines "tragischen Unglücksfalls", wie es damals offiziell hieß. Misteriös. Misteriös wie seine Filme, die mehr Fragen aufwerfen als Antworten zu geben versuchen. Spröde Fragen wie: "Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?"

wolffUnd als Antworten kommen Fakten. Fakten mit Fragezeichen. Texte, die sich spröde gegen die Bilder behaupten. Fakten über die mitunter komplexen, mitunter überraschend naheliegenden und unverblümt aktivierten Netzwerke von Macht und Kapital. Fakten, zu denen man eigentlich alles zeigen kann, weil alles damit zu tun hat und letztlich auf vertrackte Weise davon abhängt.
Sodass die Bilder davor oder dahinter belanglos und existenziell zugleich werden. Sie verweisen auf sich, erzählen ihre eigene Geschichte und sind doch auf geheimnissvolle Art und Weise mit der Off-Stimme verwoben. Das einzig Störende an diesem Film sind die englischen Untertiteln, die es verhindern, dass man sich als Zuseher einfach fallen und von diesen 2 Paralleluniversen aus Ton und Bild existenziell berieseln lässt, dass einem der kalte Schauer als Gänsehaut zwischen die Schulterblätter fährt.

Und weil alles mit allem zu tun hat, bin ich auch nicht überrascht, dass ich den heutigen Kommentar zum gestrigen Film im Standard finde.

Ich zitiere: "Wie vielfach kolportiert, heuert Nikolaus Pelinka, Ex-Pressesprecher von Bildungsministerin Claudia pelinka-junSchmied (SPÖ) bei der Bundesbahn an. Wie der 23-jährige dem Standard bestätigt, wird er die neue ÖBB-Abteilung "Public Affairs" leiten. Näheres verrät Pelinka nicht, weil der Aufsichtsrat das Engagement nächste Woche erst absegnen muss, doch politisches Lobbying liegt als Aufgabe nahe. Der kolportierten Gagenhöhe von 6000 Euro im Monat widerspricht der Neo-Eisenbahner nicht. Ob es sich um einen Erst- oder Zweitjob handelt, wird sich erst herausstellen. Im April übernahm Pelinka auch einen Sitz im ORF-Stiftungsrat, wo er den SPÖ-"Freundeskreis" anführt - die Rochade macht den Wechsel aus Schmieds Büro auf einen (formal) regierungsferneren Posten notwendig."

Diesen Zeitungsausschnitt muss man genau lesen. Hier ist jedes Anführungszeichen und jede Klammer wichtig. Die Namen sind es nicht. Pelinka könnte auch Meischberger oder sonstwie heißen, aber das ist ein andere Geschichte ...

Sonntag, 20. Juni 2010

Filmtipp: Das ganze Leben liegt vor dir ...

Für Marta, eine frischgebackene Akademikerin, erweist sich der Titel des Films als verlogenes Glücksversprechen, das dazu dient, den Einzelnen bei der Stange zu halten - kleinmütig, ängstlich und korrumpierbar. Den Traum einer philosophisch publizistischen Karriere tauscht sie mit dem Arbeitskampf in einem Call Center, in dem die zum System gewordene Verlogenheit wildeste Blüten treibt. Wäre da nicht das kleine Mädchen in und neben ihr, das dafür sorgt, dass sich die echten Träume beständig gegen die blutleeren Mythen behaupten, wer weiß, wie die Geschichte enden würde.

Aber so darf es am Schluss ein Wahres im Falschen geben. Nicht ohne Augenzwinkern. Aber das versteht sich in diesem wunderbaren Film von selbst. David Lynch macht Urlaub in Italien. Und wir alle winken zurück. Mit Tränen in den Augen.

Dienstag, 15. Juni 2010

Unglaublich schön: Under Water Base Jump by Guillaume Nery



thx to Peter Glaser

Freitag, 11. Juni 2010

BUCALEMU: Die Spenden sind angekommen. Danke!

Langsam wird es Winter in Bucalemu. Die Lethargie, die die ersten Tage nach dem Beben begleitet hat, ist längst einer Geschäftigkeit gewichen, der sich kaum wer im Dorf entziehen kann. Überall wird gehämmert und geschraubt. Natürlich gibt es Leid, aber es gibt – auch dank Eurer und unserer Hilfe – daneben auch Hoffnung und Zuversicht.

neu7 Insgesamt 4770 EURO haben wir gesammelt und mit Western UNION direkt nach Bucalemu geschickt, wo der Bruder von Francisco das Geld übernahm und daran ging, die Dinge zu besorgen, die auf unserer gemeinsam erstellten Liste ganz oben standen.

Konkret wurden damit
  • 1 Heizofen/Kamin wurde neu gemauert / 400 EURO
  • 3 komplette Taucherausrüstungen (inkl. Neoprenanzug, Taucherbrille, Schnorchel und Flossen) wurden angeschafft, damit die Apnoe-Fischer aus Bucalemu (darunter auch der Vater von Francisco), wieder ihrer Arbeit nachgehen können (ihre Ausrüstung, die sie in einem Felsverschlag aufbewahrt hatten, hat der Tsunami einfach weggespült) / 890 EURO
  • 2 Backöfen angeschafft / 400 EURO
  • Fenster und Mauern erneuert bzw. neu eingesetzt / 1060 EURO
  • und last but not least eine ganze Menge Werkzeug (darunter auch Töpfe und Teller) und Baumaterial in Form von Holz angeschafft / 1950 EURO
  • die 70 EURO waren Kosten von Western UNION
Der Winter steht vor der Tür. Und die Leute von Bucalemu haben wieder Hoffnung und eine Wärme in ihren Herzen, die auch von Euch gekommen ist.


Danke! Danke! Danke!

Und hier noch ein paar Bilder – ohne Worte …

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Dienstag, 8. Juni 2010

Traunkirchen im Abendlicht. Ein Suchbild.

Im Schwimmen zwei Vögel der Abend so licht.

traunsee

zum Vergrößern anklicken ...

Freitag, 14. Mai 2010

Richtigstellungen in einer ver-rückten Welt

Heute gilt einer, nur weil er im Internet groß geworden ist, bereits als "Internet Experte". Dabei ist er bestenfalls ein aufschlussreiches "Exemplar". Eine nützliche soziologische Kategorie also, wenn es darum geht, das, was ist, in einen größeren Zusammenhang zu stellen und zu vergleichen - mit dem, was war und dem, was sein könnte.

Exemplare sind Blaupausen des Status quo. Sie bilden ab. Nicht mehr, nicht weniger. Je präziser, desto besser. Experten hingegen sollten in der Lage sein, über diesen Status quo nachzudenken, in der Lage, ihn mit anderen Horizonten/Welten zu konfrontieren und neue, unerwartete Verbindungen herzustellen. Verbindungen, die erhellen und keine Netze zum Schulterklopfen.

Aber weil Experten naturgemäß von außen kommen oder zumindest ein Naheverhältnis zu diesem Außen pfelgen, werden sie von den Exemplaren, die in einer Allgegenwart leben und aufgehen, wie Fische im Wasser, schnell diffamiert - und lustigerweise einer Distanz bezichtigt, ohne die Denken nicht funktionieren kann. Ein Schuss, der im Normalfall nach hinten losgeht, nach hinten losgehen muss, in einer ver-rückten Welt jedoch sein Ziel nicht verfehlt.

Aber was bringen solche Richtigstellungen? Wer kann sie hören, wer will sie hören - in einer Welt, deren Alpha-Tiere nicht zufällig beinahe deckungsgleich sind mit den aktuellen Highscores der Ego-Shooter-Rankings?

Siniweler - Ohne Tal

Kein Ort zum Verweilen, nirgends. Wohin uns die Reise führt? Geradewegs lotrecht zu allem, was das Herz schneller schlagen lässt.

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