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Freitag, 17. Februar 2006

Das Stundebuch ...

.........

Da riß der Mönch sein Kleid sich ab wie Rinde
und knieend hielt er es dem Alten hin.

Und sieh: er kam. Kam wie zu einem Kinde
und sagte sanft: Weißt du auch wer ich bin?
Das wußte er. Und legte sich gelinde
dem Greis wie eine Geige unters Kinn.

Jetzt reifen schon die roten Berberitzen,
alternde Astern atmen schwach im Beet.
Wer jetzt nicht reich ist, da der Sommer geht,
wird immer warten und sich nie besitzen.

Wer jetzt nicht seine Augen schließen kann,
gewiß, daß eine Fülle von Gesichten
in ihm nur wartet bis die Nacht begann,
um sich in seinem Dunkel aufzurichten: –
der ist vergangen wie ein alter Mann.

Dem kommt nichts mehr, dem stößt kein Tag mehr zu,
und alles lügt ihn an, was ihm geschieht;
auch du, mein Gott. Und wie ein Stein bist du,
welcher ihn täglich in die Tiefe zieht.

Du mußt nicht bangen, Gott. Sie sagen: mein
zu allen Dingen, die geduldig sind.
Sie sind wie Wind, der an die Zweige streift
und sagt: mein Baum.

Sie merken kaum,
wie alles glüht, was ihre Hand ergreift, –
so daß sie's auch an seinem letzten Saum
nicht halten könnten ohne zu verbrennen.

Sie sagen mein, wie manchmal einer gern
den Fürsten Freund nennt im Gespräch mit Bauern,
wenn dieser Fürst sehr groß ist und – sehr fern.
Sie sagen mein von ihren fremden Mauern
und kennen gar nicht ihres Hauses Herrn.
Sie sagen mein und nennen das Besitz,
wenn jedes Ding sich schließt, dem sie sich nahn,
so wie ein abgeschmackter Charlatan
vielleicht die Sonne sein nennt und den Blitz.
So sagen sie: mein Leben, meine Frau,
mein Hund, mein Kind, und wissen doch genau,
daß alles: Leben, Frau und Hund und Kind
fremde Gebilde sind, daran sie blind
mit ihren ausgestreckten Händen stoßen.
Gewißheit freilich ist das nur den Großen,
die sich nach Augen sehnen. Denn die Andern
wollens nicht hören, daß ihr armes Wandern
mit keinem Dinge rings zusammenhängt,
daß sie, von ihrer Habe fortgedrängt,
nicht anerkannt von ihrem Eigentume
das Weib so wenig haben wie die Blume,
die eines fremden Lebens ist für alle.

Falle nicht, Gott, aus deinem Gleichgewicht.
Auch der dich liebt und der dein Angesicht
erkennt im Dunkel, wenn er wie ein Licht
in deinem Atem schwankt, – besitzt dich nicht.
Und wenn dich einer in der Nacht erfaßt,
so daß du kommen mußt in sein Gebet:

Du bist der Gast,
der wieder weiter geht.

Wer kann dich halten, Gott? Denn du bist dein,
von keines Eigentümers Hand gestört,
so wie der noch nicht ausgereifte Wein,
der immer süßer wird, sich selbst gehört.

In tiefen Nächten grab ich dich, du Schatz.
Denn alle Überflüsse, die ich sah,
sind Armut und armsäliger Ersatz
für deine Schönheit, die noch nie geschah.

Aber der Weg zu dir ist furchtbar weit
und, weil ihn lange keiner ging, verweht.
O du bist einsam. Du bist Einsamkeit,
du Herz, das zu entfernten Talen geht.

Und meine Hände, welche blutig sind
vom Graben, heb ich offen in den Wind,
so daß sie sich verzweigen wie ein Baum.
Ich sauge dich mit ihnen aus dem Raum
als hättest du dich einmal dort zerschellt
in einer ungeduldigen Gebärde,
und fielest jetzt, eine zerstäubte Welt,
aus fernen Sternen wieder auf die Erde
sanft wie ein Frühlingsregen fällt.

aus Rainer Maria Rilke: Das Stundenbuch.
(vgl. Rilke-SW Bd. 1, S. 337-340)]

Dienstag, 22. November 2005

Der Einäugige der Eineiigen ...

Am Sonntagvormittag wurde Gert Jonke in Berlin der Kleist-Preis verliehen: Hier eine seiner fünf Blitzlichtabbildungen seiner Dankesrede, mit denen er Herrn Kleist persönlich einen schönen Gruß schickte:

1 - DRAMA

Ein Schauspieler hatte während der Proben für ein neues Stück plötzlich größte Schwierigkeiten folgender Natur: Er fühlte sich an mehreren Stellen des Textes wie von einem höheren Zwang bedroht, sein Spiel schlagartig erschrocken abzubrechen. Befragt, worin denn dieser Zwang ungefähr bestünde, antwortete er, er habe plötzlich ganz deutlich die Gewissheit, während er oben auf der Bühne spiele, sitze er auch gleichzeitig plötzlich im Zuschauerraum an einem bestimmten (immer dem gleichen) Sitzplatz unten und schaue sich von unten hinauf sehr missbilligend sich von unten im Zuschauerraum sitzend von jenem Platz aus immer wieder zu und zeige sich herauf eine lange Nase oder mache andere sich von unten hinauf ihn verhöhnende Faxen, und das tue ihm sehr weh, verursache ihm oben auf der Bühne durchaus auch eher immer unerträglichere Schmerzen, es wäre immer mehr zum Weinen und zum Heulen, er sei wütend, wolle sich hineinschmeißen. Dort, wo er in der Bestuhlung unten zu sitzen behauptete, während er oben spielte, saß aber keiner. Das untersuchte man ganz genau und mit allem Verständnis.

Mit Müh und Not kam er dann aber doch noch in die Endproben. Bei der Premiere ging alles gut. Man glaubte, die Sache sei nun ausgestanden, irgendwie bewältigt wohl und somit bald wieder auch zu vergessen. Man achtete aber darauf, dass jener Platz, wo der Schauspieler immer sich selbst gleichzeitig unten sitzend sich oben zuzuschauen während er spielte, dass jener Platz auch in den weiteren Vorstellungen sicherheitshalber von irgendwem besetzt wurde, und wenn von keinem zahlenden Besucher, dann wenigstens vom Feuerwehrmann oder vom Dienst habenden Theaterarzt, weil man weiterhin nicht fahrlässig zu werden sich vorgenommen hatte, und weil man gerade in Theaterkreisen solchen Sachen gegenüber einen geradezu abergläubischen Respekt zu zollen für wichtig hielt.

Aber eines Tages, als man schon gar nicht mehr daran dachte, ergriff am Abend der besagte Schauspieler in dieser Vorstellung plötzlich ohne Vorwarnung einen in seiner Reichweite als Requisit hingestellten Blumenstock, um ihn dann blitzschnell, aber sehr wohl exakt, präzise gezielt ins Publikum zu schleudern, natürlich genau in Richtung jenes Sitzplatzes. Dem dort sitzenden Zuschauer musste im Krankenhaus, wohin er sofort nach Unterbrechung der Vorstellung mit der Rettung eingeliefert wurde, ein Auge notoperativ entfernt werden. Es handelte sich um den jahrelang schon verschollenen vermissten und eigentlich auch schon vergessenen und aufgegebenen Zwillingsbruder des Schauspielers, nach dem der Schauspieler aber nach wie vor suchen ließ (um teures Geld von Detekteien, und der seinem Bruder nach wie vor wie aus dem Gesicht geschnitten ähnelte.)

Dem Schauspieler wurde natürlich sofort wegen publikumsgefährdenden Verhaltens fristlos gekündigt.

Die beiden Brüder schlugen sich fortan gemeinsam durchs Leben. Einmal traten sie in einem Varieté als lebendes Rätsel auf. Und zur Auflösung des Rätsels musste jener der beiden, der sich nicht die Schauspielkarriere selbst ruiniert hatte, sagen: "Von den eineiigen Zwillingen bin ich der Einäugige!" Um dann wie zum Beweis sich ins Gesicht greifend jenes seiner Augen, welches aus Glas war, aus dem Gesicht zu pflücken, und deutlich ersichtlich dem Publikum eine Zeit lang zeigend in die Luft zu halten.

Samstag, 22. Oktober 2005

Weit zurück in dem leeren Nichts ...

.... ist etwas wie Wonne und Entzücken, das gewaltig fassend, fast vernichtend in mein Wesen drang und dem nichts mehr in meinem künftigen Leben glich. Die Merkmale, die festgehalten wurden, sind: Es war Glanz, es war Gefühl, es war unten. Dies muss sehr früh gewesen sein, denn mir ist, als liege eine hohe, weite Finsternis des Nichts um das Ding herum.

Dann war etwas anderes ...

Immer mehr fühlte ich die Augen, die mich anschauten, die Stimme, die zu mir sprach, und die Arme, die alles milderten. Ich erinnerte mich, dass ich das "Mam" nannte.

Diese Arme fühlte ich mich einmal tragen. Es waren dunkle Flecken in mir. Die Erinnerung sagte mir später, dass es Wälder gewesen sind, die außerhlab mir waren. Dann war eine Empfindung, wie die erste meinen Lebens, Glanz und Gewühl, dann war nichts mehr ....

Noch ein anderes Ding der Stube war mir äußerst anmutig und lieblich und fast leuchtend in meiner Erinnerung. Es war das erste Fenster an der Eingangstür. Die Fenster der Stube hatten sehr breite Fensterbretter, und auf dem Brette dieses Fensters saß ich sehr oft und fühlte den Sonnenschein, und daher mag das Leuchtende der Erinnerung rühren ....

In meiner Erinnerung ist lauter Sommer, den ich durch das Fenster sah, von einem Winter ist von damals gar nichts in meiner Einbildungskraft.


Adalbert Stifter schrieb "Mein Leben" Anfang September 1866, als er seine Elternhaus im böhmischen Oberplan und das Grab seiner Mutter besuchte. 17 Monate später, in der Nacht vom 25. auf den 26. Jänner 1868 schneidet er sich mit dem Rasiermesser den Hals auf. 95 Jahre vergehen. Dann komme ich. Wir schreiben das Jahr 1963. Dieser Tage feiert man seinen 200. Geburtstag.

Dienstag, 4. Oktober 2005

Rabbit 1

Plötzlich das Buch in meiner Hand, mit dem ich vor einem Jahr die Rabbit-Quatrologie des großartigen John Updike an der falschen, aber für mich einzig stimmigen Stelle begann: mit Teil 3 - Rabbit in Ruhe, Rabbit at rest. Die Wochen, die folgten, gehörten zu den aufregenden dieses Jahres - immer ein Buch von Updike irgendwo eingeklemmt, immer einen Satz im Nachklingen.

Der erste, der mich traf: Und er hat nie vergessen, wie er im Juni vordreißig Jahren seine kleine Tochter Rebecca June ertrank; als er noch einmal allein in die Wohnung zurückging, stand in der Badewanne immer noch das laue graue Wasser, das sie getötet hatte. Gott hatte nicht den Stöpsel heruasgezogen. Es wäre so einfach für Ihn gewesen, für Ihn, der die Sterne an ihren Platz gesetzt hat. Es ungeschehen zu machen. Oder dasaus dem Universum zu tilgen, das die Pan-Am-Boeing 747 über Schottland in Stücke riss. All diese Körper mit pumpenden Herzen, die in der Finsternis hinunterstürzen. Wieviel wussten sie, während sie fielen, durch die Luft, die dicht wie laues Wasser war, laugrau wie dieser Terminal, durch den die Menschen wehen wie Staub durch den Luftkanal, für die Fluggesellschaft sind wir doch nichts weiter als Zahlen im Computer, eine mehr oder weniger, wen kümmert´s? Ein Flackern auf dem Schirm, dann ist es weg. Die Körper stürzen nieder wie nasse Melonenkerne.

Er, der die großen Dinge mit den kleinen Alltäglichkeiten so spielend zusammenbringt, dass es einem den Atem nimmt. Oder ganz anders das Leben selbst an solchen Stellen seinen Atem hinterlässt an der Glastrennscheibe der Wirklichkeiten.

Freitag, 23. September 2005

Sehnsucht nach dem Mythos ...

„Erinnere dich daran, wie es war, als Du in den Schlaf gesungen wurdest. Wenn du Glück hast, brauchst Du deswegen nicht bis in die Kindheit zurückzudenken. Die wiederholten Zeilen von Worten und Musik sind wie Pfade. Die Pfade sind kreisförmig, sie bilden Ringe, die ineinander hängen wie die Glieder einer Kette. Du gehst diese Pfade entlang und wirst im Kreis herumgeführt, vom einen zum andern, weiter und weiter weg. Das Feld, auf dem Du gehst, das Feld, auf dem die Kette liegt, ist das Lied.“

John Berger: Feld

Mittwoch, 14. September 2005

AUFGESCHAUT ...

... aus all der Arbeit, die sich um mich türmt. Technologiebewertung und Zukunftsfragen. Dazwischen Peter Glaser: Geschichte von Nichts auf meinem Schreibtisch glücklich gelandet.

Da traut sich doch wieder jemand Metaphern zu, und was für welche. Danke, Ausrufezeichen - auch wenn ich nicht mit jeder mitgehen kann. Aber das ist ja der Witz dabei, dass man ein Risiko eingeht und den Leser manchmal allein lassen muss mit seinem Bildervakuum: "Henri ist ein Junge mit vielen Talenten, einer Frisur, die aussieht wie eine aus Kirschholz geschnitzte brennende Benzinpfütze, und einer kleinen Narbe unter dem rechten Auge."

Ein Dank auch an alle, die mir diese Frisur näherbringen können ;-)

Und für all jene, die Peter Glaser nicht kennen, ein Zitat aus meinem Lieblingsbuch von ihm als Empfehlung. Wir schreiben die neunzehnte Stunde der "24 Stunden im 21. Jahrhundert":

Was macht es aus mir und der Welt, wenn ich allein vor dem Bildschirm sitze? Die Übereinkünfte, wie man gemeinsam mit anderen auf Wahrnehmungen reagiert, fallen in der Einsamkeit ab. Ich muss nicht mehr reden. Die Sprache spricht stumm und geduldig mit mir, und ich mache still oder so leichthin, dass es von jedem körperlichen Gegenüber verweht würde, die Form der Gedanken daraus. Einsamkeit lässt mir Zeit. Ich bin andächtig, und zwar ganz unromantisch; die Hundescheiße auf dem Gehsteig ist Hundescheiße, Sahnejoghurts sind Sahnejoghurts, Tod ist Tod.

Samstag, 10. September 2005

Der, den ich liebe ...

„Der, den ich liebe
Hat mir gesagt
Dass er mich braucht.

Darum
Gebe ich auf mich acht
Wehe auf meinen Weg und
Fürchte von jedem Regentropfen
Dass er mich erschlagen könnte.“

Berthold Brecht

Mittwoch, 7. September 2005

Männer und Frauen ...

John Berger ist ein Poet und Denker. Einer, der aufs Ganze geht, der sich nicht nach dem Wind dreht. Das macht ihn spannend und nicht unbedingt zitierfähiger. Denn cool ist seine Unterscheidung zwischen Männer und Frauen sicher nicht. Wohl aber mit Momenten, in denen Wahrheit aufleuchtet. Und mehr kann man von ihr ja wohl auch nicht verlangen....

Lesen Sie selbst:
Nach Bräuchen und Konventionen, die zwar heute kritisch befragt werden, aber noch keineswegs überwunden sind, unterscheidet sich die gesellschaftliche Erscheinung einer Frau - ihr Auftreten - von dem eines Mannes. Das wirksame Auftreten des Mannes ist abhängig von der Verheißung der Kraft und der Macht, die er verkörpert. Je mehr und je glaubwürdiger er etwas verheißt, desto eindrucksvoller ist sein Auftreten. Der Mann kann moralische, physische, betont persönliche, gesellschaftliche oder sexuelle Macht und Kraft verheißen, auf jeden Fall aber liegt das Ziel, auf das sie sich richtet, außerhalb des Mannes. Sein Auftreten lässt darauf schließen, was er für dich oder dir zu tun imstande ist. ......

Im Gegensatz dazu drückt das Auftreten und damit die Erscheinung einer Frau ihre Einstellung zu sich selbst aus und macht darüber hinaus klar, was man mit ihr tun kann und was nicht. Ihr Auftreten (ihre Erscheinung) manifestiert sich in ihren Gesten, ihrer Stimme, ihren Meinungen, Äußerungen, Kleidern, in ihrem Geschmack und der von ihr gewählten Umgebung - tatsächlich kann sie nichts tun, was nicht zu ihrer Erscheinung beiträgt. Die Erscheinung der Frau ist so wesentlich für ihre Persönlichkeit, dass Männer dazu neigen, sie für eine fast physische Ausstrahlung zu halten, eine Art Hitze, Geruch, oder Aura.

Die Frau wird in einen ihr zugeteilten und beschränkten Raum hineingeboren, in die Obhut des Mannes. Das gesellschaftliche Auftreten der Frau, ihre Stellung in der Gesellschaft, konnte sich demzufolge nur entwickeln als Ergebnis ihrer Lebenstüchtigkeit, die sie unter der männlichen Bevormundung innerhalb des begrenzten Raumes erworben hat. Diese Entwicklung vollzog sich auf Kosten einer Spaltung ihres Selbst. Eine Frau muss sich ständig selbst beobachten und wird fast ständig von dem Bild begleitet, das sie sich von sich selbst macht. Ob sie durch ein Zimmer geht oder über den Tod ihres Vaters weint, sie wird es kaum vermeiden können, sich selbst beim Gehen oder Weinen zu beobachten. Von frühester Kindheit an hat man ihr beigebracht und sie dazu überredet, sich ständiger Selbstkontrolle zu unterwerfen.

Und so kommt sie dazu, den Prüfer und die Geprüfte in ihr als die beiden wesentlichen, doch immer getrennten Komponenten ihrer Identität als Frau anzusehen. Sie muss alles prüfen, was sie ist, und alles, was sie tut, denn wie sie sich anderen darstellt, und - letzten Endes - wie sie sich den Männern darstellt, ist von entscheidender Bedeutung dafür, was man gemeinhin als den Erfolg ihres Lebens ansieht. Ihr eigenes Selbstgefühl wird durch das Gefühl verdrängt, etwas in der Einschätzung anderer zu sein.

Männer prüfen Frauen, ehe sie mit ihnen umgehen. Wie eine Frau sich einem Mann darstellt, kann in der Folge darüber entscheiden, wie sie von ihm behandelt wird. Um eine gewisse Kontrolle über diesen Vorgang zu gewinnen, müssen Frauen ihn in sich aufnehmen und verinnerlichen. Der prüfende Teil einer Frau behandelt den geprüften Teil ihres Selbst in einer Weise, die den anderen zeigt, wie ihr ganzes Selbst behandelt werden möchte. Und diese exemplarische Behandlung ihrer selbst durch sie selbst macht ihre Erscheinung aus. Auftreten und Erscheinung jeder Frau regeln, was und was nicht „zulässig“ ist in ihrer Gegenwart. .....

Wir könnten vereinfachend sagen: Männer handeln und Frauen treten auf. Männer sehen Frauen an. Frauen beobachten sich selbst als diejenigen, die angesehen werden. Dieser Mechanismus bestimmt nicht nur die meisten Beziehungen zwischen Männern und Frauen, sondern auch die Beziehung von Frauen zu sich selbst. Der Prüfer der Frau in ihr selbst ist männlich - das Geprüfte weiblich. Somit verwandelt sie sich selbst in ein Objekt, ganz besonders in ein Objekt zum Anschauen - in einen „Anblick“.


John Berger: Sehen. Das Bild der Welt in der Bilderwelt, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1974, s. 43 f. Titel der Originalausgabe: Ways of Seeing, Penguin Books: Harmondsworth 1972

Sonntag, 28. August 2005

Ein Landmann war er von Geburt ...

... und immer geht es um Erlösung!

"Ein Landmann war er von Geburt, einer, der den Frieden des irdischen Seins liebt, einer, dem ein schlichtes und gefestigtes Leben in der ländlichen Gemeinschaft getaugt hätte, einer, dem es seiner Abstammung nach beschieden gewesen wäre, bleiben zu dürfen, bleiben zu müssen, und den es, einem höheren Schicksal gemäß, von der Heimat nicht losgelassen, dennoch nicht in ihr belassen hatte; es hatte ihn hinausgetrieben, hinaus aus der Gemeinschaft, hinein in die nackteste, böseste, wildeste Einsamkeit des Menschengewühles, es hatte ihn weggejagt von der Einfachheit seines Ursprunges, gejagt ins Weite zu immer größer werdender Vielfalt, und wenn hierdurch irgend etwas größer oder weiter geworden war, so war es lediglich der Abstand vom eigentlichen Leben, denn wahrlich, der allein war gewachsen: bloß am Rande seiner Felder war er geschritten, bloß am Rande seines Lebens hatte er gelebt; er war zu einem Ruhelosen geworden, den Tod fliehend, den Tod suchend, das Werk suchend, das Werk fliehend, ein Liebender und dabei doch ein Gehetzter, ein Irrender durch die Leidenschaften des Innen und Außen, ein Gast seines Lebens."

Hermann Broch: Der Tod des Vergil

Mittwoch, 24. August 2005

Vollgestopft am Verhungern ...

"Ich sah mein Leben so verzweigt vor mir wie den grünen Feigenbaum in der Erzählung. Am Ende jedes Zweiges winkte und blinzelte eine wunderbare Zukunft wie eine fette purpurfarbene Feige. Die eine Feige war ein Mann und ein glückliches Heim und Kinder, und die andere Feige war eine brillante Professorin, und eine andere Feige war ... die großartige Redakteurin, und eine andere Feige war Europa und Afrika und Südamerika ..., und eine andere Feige war eine Olympiasiegerin, und unter und über diesen Feigen hingen noch viel mehr Feigen, die ich nicht genau erkennen konnte. Ich sah mich in der Gabelung des Feigenbaums sitzen, ich verhungerte, nur weil ich mich nicht entschließen konnte, welche Feige ich nehmen sollte. Ich wollte jede einzelne, aber eine auszuwählen hätte bedeutet, alle andere zu verlieren, und während ich dort saß und nicht fähig war, mich zu entscheiden, begannen die Feigen schrumpelig zu werden und schwarz und eine nach der anderen fiel auf den Boden, mir vor die Füße."

Sylvia Plath, Die Glasglocke

Das ist das eine Bild. Das andere Bild ist derjenige, der nicht warten kann, der zu früh zugreift, ohne zu wissen, worum es geht. Der sein ganzes Leben lang keinen Hunger spürt, weil er immer schon vollgestopft ist - mit Feigen!

Siniweler - Ohne Tal

Kein Ort zum Verweilen, nirgends. Wohin uns die Reise führt? Geradewegs lotrecht zu allem, was das Herz schneller schlagen lässt.

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